Menschen lernen durch Vergessen

Menschen erinnern sich an viele Einzelfälle und verbinden sie. Das Ergebnis ist eine komprimierte, zusammengefasste, verschmolzene Übererinnerung. Zum Beispiel an ein nicht existierendes Objekt wie einen abstrakten oder beispielhaften Baum. In der Regel werden solche Abstraktionen hinter den Kulissen im Rahmen der unbewussten geistigen Routinevorgänge erzeugt … und zwar in der Kindheit. Im 19. Jahrhundert schrieb der Essayist und Maler William Hazlitt: „Objekte, wie sie uns zuerst begegnet sind, besitzen diese Einzigartigkeit und Vollständigkeit des Eindrucks, dass es scheint, als könne nichts sie zerstören oder auslöschen – so fest sind sie ins Gehirn eingeprägt und mit ihm verbunden.“ David Gelernter fügt hinzu: „Wenn sich dann aber Erinnerungen auf Erinnerungen häufen, sind Verfestigung und Kompression natürliche Vorgänge. David Gelernter ist Professor für Computerwissenschaften an der Yale Universität.

Aus dem episodischen Gedächtnis entwickeln sich semantische Erinnerungen

Wenn Menschen ähnliche Erinnerungen anhäufen, neigen sie dazu, sie durcheinanderzubringen. Eine solche Verwirrung zeigt sich auf zweierlei Weise. Erstens kann man zwischen den einzelnen Episoden nicht mehr unterscheiden; man erinnert sich beispielsweise nicht mehr daran, dass man letzten Sonntag in einem Park einen großen Ahorn und vor drei Wochen neben einem Haus einen kleinen gesehen haben. Das „episodische Gedächtnis“ versagt. Zweitens kann man aber auch Aussagen über Ahornbäume im Allgmeinen aufstellen und sich in dieser Hinsicht sicher sein, ohne an ein Einzelbeispiel zu denken.

Wenn das episodische Gedächtnis versagt, entwickeln sich „semantische Erinnerungen“ – das semantische Gedächtnis ist der Speicher für allgemeine Tatsachen, Regeln, Prinzipien und Erwartungen. David Gelernter erläutert: „Die Verschmelzung von Erinnerungen, durch die gemeinsame Merkmale hervortreten und individuelle Details – atmosphärische Besonderheiten – verschwinden, macht das hochkonzentrierte Denken so leistungsfähig zu zugleich gefühllos.“ Menschen lernen also durch Vergessen.

Erinnerungen sind Zitate aus der Realität

Was zum Beispiel Baum bedeutet, lernt man allmählich, wenn man ein Kind ist. Danach vergisst man die Unterschiede zwischen einzelnen Bäumen und erinnert sich an die Gemeinsamkeiten. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren auch Matrizen von Ereignissen. Man ist beispielsweise schon viele Male zum Tanken gefahren und kennt diesen Vorgang. Bei dieser Matrize handelt es sich um einen zeitlichen Ablauf. Auch hier ist es praktisch, sich eine Erinnerung oder Matrize als Filmstreifen vorzustellen – zeitlich und nicht räumlich.

Die Erinnerung an einen „zeitlichen Ablauf“ oder ein „Ereignis“ unterscheidet sich nicht von der an ein „Objekt“ oder eine „Szene“. Erinnerungen sind Zitate aus der Realität, und man kann sie als Sequenzen deuten. Die Herstellung von Matrizen – die Vermischung einzelner Erinnerungen, so dass gemeinsame Aspekte betont und nicht gemeinsame Attribute in den Hintergrund geschoben werden – ist ein sauberer, eleganter Vorgang. Er ist der gleiche bei der Erzeugung von Matrizen für räumliche wie für zeitliche Objekte. Quelle: „Gezeiten des Geistes“ von David Gelernter

Von Hans Klumbies

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