Die Gedanken entstehen im Gehirn

Man kann jede psychische Störung, aber auch jede gesunde psychische Reaktion unter biologischer Perspektive sehen. Manfred Lütz weiß: „Zweifellos gehen mit jedem Gedanken biologische Gehirnvorgänge einher. Wenn wir uns freuen, drehen irgendwelche Neurotransmitter Kapriolen. Wenn wir traurig sind, werden andere chemische Substanzen in unserem Gehirn aktiviert.“ Neben der Welt der Gedanken spielt sich im menschlichen Gehirn eine zweite Welt aus Molekülen ab. Da stellt sich für Manfred Lütz die alte Frage, ob zuerst die Henne oder zuerst das Ei da war. Sind also das Ursprüngliche die organischen Vorgänge im Gehirn – und die psychischen Phänomene sind nur die notwendige Folge davon? Sind Menschen demnach Marionetten ihres Gehirns? Oder ist es umgekehrt, dass sich der Mensch für seines psychischen Reaktionen seines Gehirns bedient, dessen Aktivitäten bloß ein äußeres Zeichen dafür sind, dass man denkt? Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz ist Psychiater, Psychotherapeut, Kabarettist und Theologe.

Seelische Vorgänge kann man unter biologischer Perspektive sehen

Die letzte Frage ist streng wissenschaftlich nicht zu entscheiden. Manfred Lütz erklärt: „Doch für unseren Bedarf ist das auch nicht nötig. Denn unstreitig ist, dass man alle seelischen Vorgänge unter biologischer Perspektive sehen kann. Ob das die ursprüngliche, die einzig wahre oder auch nur die entscheidende Perspektive ist, muss uns hier gar nicht interessieren.“ Ob sie im einzelnen Fall hilfreich ist, das ist die entscheidende Frage. Am nützlichsten ist die biologische Perspektive selbstverständlich bei allen materiellen Angriffen auf das Organ Gehirn.

Wird das Gehirn verletzt, blutet es hinein, entzündet es sich oder wird es vergiftet, dann ist immer die biologisch-organische Perspektive entscheidend für die Diagnose und auch für die Therapie. Natürlich wird daneben auch die Lebensgeschichte des Patienten für die Bewältigung der Erkrankung eine Rolle spielen, die Reaktionen seiner Mitmenschen und spezielle Ereignisse der jüngsten Zeit. Doch die zentrale Perspektive bleibt die Art und Weise, wie das Organ Gehirn auf die organische Schädigung reagiert.

Die biologische Perspektive ist nicht die einzig wahre

Auch bei den bisher körperlich nicht so klar zu begründenden psychischen Krankheiten, bei Schizophrenie, Depression, Manie und vielen anderen, hat man inzwischen genaue Vorstellungen von den körperlichen Aspekten dieser Erkrankungen und daraus hat man nützliche therapeutische Konsequenzen gezogen. Manfred Lütz fügt hinzu: „Inzwischen steht die biologische Perspektive bei allen psychischen Störungen im Zentrum des Interesses. Sogar bei gesunden Menschen versucht das umstrittene sogenannte Neuro-Enhancement die psychischen Fähigkeiten durch biologische Manipulationen zu verbessern.“

„Biologisch“ ist übrigens auch die Vererbung. Man kann alle psychischen Eigenarten unter der Perspektive der Erblichkeit betrachten. Die biologische Perspektive ist also zu Recht eine Sichtweise, unter dem man ausnahmslos alle psychischen Phänomene betrachten kann. Ideologisch, also unwissenschaftlich, wird es erst dann, wenn man die biologische Perspektive für die einzig wahre hält. Manfred Lütz stellt fest: „Sie ist nicht wahr. Sie ist bloß mehr oder weniger nützlich.“ Quelle: „Neue Irre!“ von Manfred Lütz

Von Hans Klumbies

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