Liebe braucht mehr als körperliche Anziehung und Sex

Gewisse Kompetenzen zur Führung einer guten Partnerschaft sind absolut notwendig. Guy Bodenmann erklärt: „Es braucht Wissen, wie man miteinander umgehen sollte, wie man Konflikte anspricht, heikle Themen diskutiert, eigene Bedürfnisse einbringt, auf Bedürfnisse des Partners eingeht und wie man Alltagsprobleme löst.“ Für eine überdauernde Liebe braucht es mehr als körperliche Anziehung und Sex. Es bedarf zum einen einer gewissen Grundsubstanz, doch vor allem auch der Kompetenzen, um die Liebe zu pflegen. Dabei spielt die Kommunikation eine Schlüsselrolle. Unter Stress erfolgt sie allerdings oft in reduzierter Form und oberflächlicher. Ganz häufig ist Alltagsstress der Faktor, der Beziehungen am meisten schädigt. Der Alltag mit all seinen Anforderungen, Herausforderungen und Verpflichtungen ist ein Korsett der Liebe, engt sie ein, kann sie zum Ersticken bringen. Guy Bodenmann ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich.

Viele Paare verlieren sich mit der Elternschaft

Die meisten Paare starten positiv in eine Partnerschaft und heiraten nicht selten auf dem Höhepunkt ihrer Liebe. Doch dann stellt sich der Alltagstrott ein mit all den vielfältigen Ereignissen, die Stress auslösen. Im Zuge der Elternschaft kommt zum Alltagsstress und den beruflichen Anforderungen noch der Stress als Eltern hinzu. Guy Bodenmann erklärt: „Das Paar ist nicht mehr nur auf sich bezogen, die Energie, die man vorher nur für sich hatte, gilt es nun auf alle Familienmitglieder aufzuteilen.“

Die Zeit wird dadurch knapp, die Ressourcen an Energie versiegen, die Mehrfachbelastungen werden erdrückend und das Zusammenspiel der Partner komplizierter. Mit der Elternschaft verlieren sich viele Paare und finden häufig nicht mehr zusammen. Guy Bodenmann erläutert: „Auch wenn es nicht unmittelbar nach der Geburt zum Zusammenbruch kommt, wird hier häufig ein Grundstein für die Verschlechterung der Beziehung gelegt.“ Dabei ist nicht das Kind als solches das Problem, sondern die damit verbundenen Herausforderungen und insbesondere die fehlende Zeit füreinander.

Die Liebe zerfällt aus unterschiedlichsten Gründen

Die Pflege der Beziehung kommt bei den meisten Paaren zu kurz, die Exklusivität des Partners geht verloren und man bemüht sich zu wenig um den Erhalt dessen, was einem vorher wichtig und wertvoll war. Guy Bodenmann nennt einige Gründe, die beim Zerfall einer Liebe eine wichtige Rolle spielen und die unter Stress sogar noch verstärkt werden: „Je länger ein Paar zusammen ist, desto mehr wir die Beziehung alltäglich. Die zu Beginn vorherrschende Faszination und Attraktivität geht verloren.“

Viele Paare gehen auch mit überhöhten oder unrealistischen Erwartungen in die Partnerschaft und versprechen sich von ihr die Erfüllung aller Wünsche und Bedürfnisse. In der Enttäuschung dieser Erwartungen beginnen sie, den Partner abzuwerten und sein Verhalten negativ zu interpretieren. Viele verlieren den Willen, in die Beziehung zu investieren und konzentrieren sich stärker auf sich selbst, die eigenen Bedürfnisse, die zu kurz kommen, die eigenen Wünsche, die nicht erfüllt wurden, und die eigenen Ziele, die es im Leben zu erreichen gilt. Quelle: „Bevor der Stress uns scheidet“ von Guy Bodenmann

Von Hans Klumbies

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