Der Mensch verfügt über sechs primäre Sinne

Heute, in der Gegenwart, ist die mühevolle psychophysische Entwicklung des Menschen endlich abgeschlossen. Kevin Dutton stellt fest: „Wir Menschensind nun mit mindestens sechs primären Sinnen, ja wahrscheinlich noch erheblich mehr, ausgestattet.“ Fünf von ihnen – Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken und Hören – dienen dazu, Vorgänge in der Außenwelt wahrzunehmen. Der sechste, die Propriozeption – Tiefensensibilität –, hat den Zweck, ein stabiles inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Und zwar durch einen konstanten Strom koordinierter neutraler Informationen zu Körperbewegung und -lage. Von diesen sechs grundlegenden Sinnen ist das Sehen – das für 70 Prozent des sensorischen Inputs verantwortlich ist – der bei Weitem dominanteste. Und das aus gutem Grund. Im Laufe der Evolutionsgeschichte war eine genaue Vorstellung von der Größe, Form und Bewegung anderer Lebewesen entscheidend für das Überleben der Menschen. Kevin Dutton ist Forschungspsychologe an der University of Oxford und Mitglied der British Psychological Society.

Plötzlich dachte man in Grautönen

Hell und Dunkel. Schwarz und Weiß. Dreieinhalb Milliarden Jahre. Bei genauer Überlegung: nicht übermäßig viele Änderungen. Dann aber änderte sich tatsächlich alles. Fast über Nacht, wenn man den paläontologischen Zeitmaßstab heranzieht. Kevin Dutton betont: „Mit dem Auftauchen von Bewusstsein, von Sprache und Kultur kam Bewegung in die Sache.“ Plötzlich waren Schwarz und Weiß – Hell und Dunkel – Schnee von gestern. Und Grau war die Farbe, in der man dachte. Der Dimmer, ein wichtiges neurophysiologisches Werkzeug, wurde unverzichtbar.

Doch es gab ein Problem. Ein großes. Es gab keine Dimmer. Diese Dinger existierten einfach nicht. Sie hätten die nächste große Nummer sein können. Hätten das neue „Kampf oder Flucht“ sein können. Doch der Markt hatte sich so blitzschnell verändert, dass es den Eierköpfen der natürlichen Auslese nicht gelungen war, sie herzustellen. Sie waren nicht in Produktion gegangen und sind es noch immer nicht. Wodurch die Menschen in einer etwas misslichen Lage stecken.

Das Gehirn ist zu schnell zu groß geworden

In einem grauen Flüsschen mit ganz primitiven Schwarz-Weiß-Paddeln. Kevin Dutton erklärt: „Wir klassifizieren, wir etikettieren und wir ordnen ein, nur um dann irrationale, suboptimale Entscheidungen zu treffen, weil unsere Gehirne zu schnell zu groß geworden sind.“ Weil sie zu früh und zu schnell zu clever geworden sind. Die Menschen kategorisieren, statt abzustufen. Sie polarisieren, statt zu integrieren. Und sie überspitzen und karikieren Unterschiede, statt Ähnlichkeiten zu betonen und hervorzuheben.

Als Beispiel wählt Kevin Dutton Wein. Die meisten Menschen wären bei einer Blindverkostung vermutlich in der Lage, einen Rotwein von einem Weißwein zu unterscheiden. Und mancher vielleicht einen Cabernet Sauvignon von einem Pinot Noir. Doch zwei exklusive, anspruchsvolle, komplexe Bordeauxsorten wohl eher nicht. Beunruhigender ist natürlich die Blindheit der Menschen ihre Blindheit gegenüber Unterschieden zwischen ihren Mitmenschen. Quelle: „Schwarz. Weiß. Denken!“ von Kevin Dutton

Von Hans Klumbies

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