Die Kultur durchdringt die Lebensführung

In der heutigen Zeit soll die Arbeit nicht nur mehr dem Gelderwerb dienen, sondern auch intrinsisch motiviert sein, soll Sinn stiften und Freude machen. Außerdem werden aktuell Partnerschaften nicht mehr aus bloßer sozialer Verpflichtung eingegangen, Ehen geschlossen oder Familien gegründet, sondern in der Erwartung, sich dadurch als Individuum weiterzuentwickeln, seine Freizeit auf befriedigende Weise gemeinsam zu gestalten und „neue Erfahrungen“ etwa auch mit den Kindern zu machen. Andreas Reckwitz fügt hinzu: „Man isst nicht nur, um satt zu werden, sondern das, was richtig, gut und gesund ist. Und weil man etwas Besonderes sehen und erleben will, macht man keinen „Urlaub von der Stange“, sondern verreist etc. etc.“ Andreas Reckwitz ist Professor für Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt / Oder.

Das spätmoderne Subjekt strebt nach Authentischem

Im Zuge dieser konsequenten Durchkulturalisierung des Alltags kristallisiert sich ein Muster heraus, nämlich das einer Lebensführung als Kultur – eines Lebensstils, dessen sämtliche Bestandteile zur Kultur, also von eigenem Wert werden. Diese Kulturalisierung des Alltags ist für Andreas Reckwitz zugleich Singularisierungsarbeit: „Man sucht nach dem Einzigartigen oder ist bestrebt, etwas durch eigene Gestaltung zu etwas Singulärem, das heißt ausgestattet mit erheblicher Eigenkomplexität, zu machen.“

Das gilt für die Arbeit ebenso wie für die Partnerschaft, das Essen und das Verreisen. Die geschmackliche Dichte des Essens, die Vielseitigkeit eines Reiseziels, die Besonderheit des Kindes mit all seinen Begabungen, die ästhetische Gestaltung der eigenen Wohnung – überall geht es um Originalität und Interessantheit, Vielseitigkeit und Andersheit. Die Singularisierung und Aufwertung der Alltagswelt ist ein Projekt der Authentifizierung des Lebens. Generell strebt das spätmoderne Subjekt im Umgang mit der Welt nach Erfahrungen des Authentischen.

Der Wert der Authentizität stammt aus der Romantik

Kurz gesagt gilt nun laut Andreas Reckwitz: „Wenn etwas gut ist, muss es authentisch sein, und wenn es authentisch ist, dann ist es gut.“ Der Wert der Authentizität stammt aus der kulturellen Tradition der Romantik und verweist auf das Kriterium „Echtheit“. Dagegen bezeichnet das Unauthentische das Unechte, Gekünstelte und Vorgebliche, auch das Kommerzielle und Standardisierte. Als authentisch aber wird etwas erlebt und bewertet, wenn man es als singulär erkennt und seinen Eigenkomplexität begreifbar und spürbar ist.

Man erkennt an dieser Stelle, wie damit über den Weg der Kulturalisierung und Singularisierung des Alltagslebens das spätmoderne Subjekt sich selbst kulturalisiert und singularisiert. Andreas Reckwitz betont: „Es kreiert sich damit selbst als Wertvolles.“ Zu sagen, es strebe unmittelbar nach Einzigartigkeit, es woll originell sein, wäre jedoch zu einfach. Vielmehr will das Selbstverwirklichungssubjekt sein Leben mit Praktiken bevölkern, in denen Objekte, Orte, Ereignisse, Kollektive oder andere Subjekte als einzigartige erfahren, in ihrer Singularität geschätzt und genossen werden können. Quelle: „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Von Hans Klumbies

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