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Der Neurotiker fühlt sich von der ganzen Welt bedroht

Unter den Formen des neurotischen Gebarens, die der Sicherung der Überlegenheitsfiktion dienen, treten laut Alfred Adler in auffälliger Stärke die Regungen der Selbstvorwürfe, der Selbstquälerei, der Selbstverwünschung und des Selbstmordes hervor. Der Psychoanalytiker erkennt in der Neurose einen selbstquälerischen Kunstgriff, der den Zweck verfolgt, die eigene Persönlichkeit zu erheben. Der nervöse Mensch ist gemäß Alfred Adler erst ruhig, wenn er seinen Anfall hinter sich hat.

Nervöse können ihre Mitmenschen durch Buße schädigen

Denn er hat durch die Legitimation der Krankheit seine Überlegenheit gesichert, wenn auch nur für kurze Zeit. Alfred Adler erklärt: „Der Charakterzug, alle anderen übertreffen zu wollen, mischt sich auch in das Gefühl, dem der Nervöse regelmäßig Ausdruck verleiht; als ob er an Schmerzen, an Heldentum alle überträfe.“ So kommt es auch, dass eine Krankheit, ein Anfall oder Schmerzen herbeigewünscht werden, wenn es die Situation erfordert.

Der Neurotiker glaubt, dass die ganze Welt, die Menschen, das Gewitter, alle Unglücksfälle, alle Männer, alle Frauen nur die einzige Tendenz haben, nämlich ihn zu bedrohen. Für Alfred Adler ist es einer der feinsten Kunstgriffe des Nervösen, einen anderen durch Buße zu schädigen, wenn er sich beispielsweise in Selbstverwünschungen ergeht. Alfred Adler schreibt: „Suizidideen lassen den gleichen Mechan Selbstmorden hervortritt. Auch in der Melancholie finden sich verwandte Züge.“

Triumphale Askese führt zur Erhöhung

Der ansteckende Charakter von Bußübungen entbehrt fast nie einer auffälligen Zurschaustellung. Die Büßer überbieten sich im Weinen, Schreien, in der Zerknirschung und der Selbstquälerei. Alfred Adler erklärt: „Die Möglichkeit also, sich durch büßerische Veranstaltungen wie Fasten und Beten, in Sack und Asche zu gehen usw., ein Gefühl der Überlegenheit zu sichern, wird leicht einen Anreiz für schwächere Seelen abgeben, sobald sie geneigt sind, fromm und gut, religiös und erhaben zu identifizieren.“ Wenn die Askese als Triumph empfunden wird, führt sie zur Erhebung.

In der Kulturgeschichte wie in der Neurose artet die Bußfertigkeit nicht selten bis zur Geißelung, sprich Flagellation aus. Alfred Adler weiß aus Jean-Jacques Rousseaus Bekenntnissen und aus privaten Mitteilungen gesunder und neurotischer Personen, ebenso wie aus guten Beobachtungen von Kindern, dass Schläge und ängstliche Erregung bei manchen Personen imstande sind, sexuelle Erregungen hervorzurufen. Alfred Adler schreibt: „Mir gaben Patienten an, dass sie die Schläge auf das Gesäß in der Kindheit angenehm empfanden, wenngleich ihnen das Geschlagenwerden fürchterlich war.“

 Von Hans Klumbies

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