Statt beim Sport Dampf abzulassen oder mal übers Wochenende zu verreisen, saßen während der Lockdowns Paare sich auf der Pelle und sahen dabei zu, wie die auferlegte Freiheitsberaubung der Beziehung den Rest gab. Violetta Simon weiß: „Dass sich nach so langer Zeit des Erduldens das Ego zurückmeldet, ist eine Erkenntnis, die nicht zwingend eine Pandemie braucht. Mitunter genügen auch zehn, 20 Jahre Ehe, um sich zu fragen: Soll das alles gewesen sein?“ „In solchen Phasen ist es wichtig, sich auf die eigenen Bedürfnisse und Interessen zu konzentrieren“, sagt Judith Gastner, wissenschaftliche Leiterin der digitalen Coaching-Plattform „PaarBalance“. So werde die persönliche Kontur klarer: Wer bin ich, was macht mich aus? „Oft hilft es schon, sich einen Rückzugsort zu schaffen, wie zum Beispiel ein eigenes Arbeitszimmer.“
Trennung
Eine Trennung ist keine Schande
Keine Ansprüche von außen, keine Normen, keine Moral sollen sich in die gegenwärtigen Konstrukte der Liebe einmischen. Die israelische Soziologin Eva Illouz, die gerade an einem Buch mit dem Titel „Unloving“ arbeitet, erklärt: „Das ist die Kehrseite der sexuellen Freiheit, für die wir gekämpft haben. Es ist allein unser Verlangen und unser Gefühl, das legitimiert, was wir tun. Sobald das schwindet, schwindet auch unser Engagement für die Beziehung.“ Unter diesen Vorzeichen kann man ihrer Meinung nach beispielsweise auch das Fremdgehen nicht mehr in moralischen Kategorien begreifen. Derjenige, der es tut, drückt damit lediglich das eigene sexuelle Verlangen aus. Und das ist heute um seiner selbst willen zulässig. Eva Illouz stellt fest: „Weder das Scheidungsrecht noch die Psychologie suchen noch nach Schuldigen.“
Heidi Kastner hält Paartherapien für pompöse Begräbnisse
In ihrem neuesten Buch „Tatort Trennung. Ein Psychogramm“ beschäftigt sich Heidi Kastner mit der Liebe, zu hohen Erwartungen und dem Mord an ehemals geliebten Menschen. Ihrer Meinung nach kann man sich auf eine Trennung nicht wirklich vorbereiten, da die meisten asymmetrisch verlaufen: „Meistens ist es einer, der sich innerlich zu trennen beginnt und das nicht kommuniziert. Der Überrumpelte reagiert dann natürlich mit Entsetzen, Überraschung, Kränkung.“ In dieser akuten Phase ist alles eine Überforderung. Aber wenn das vorbei ist, sollte man laut Heidi Kastner nicht hergehen und dieses ganze Kapitel der eigenen Biografie als fatalen Irrtum abschreiben. Man sollte sich vergegenwärtigen, was es in der Beziehung an Gutem gegeben hat. Heidi Kastner ist seit 2005 Chefärztin der forensischen Abteilung des Landesnervenklinik Linz.