Soziale Zwänge sind notwendig

In seinem Buch „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahr 1930 hatte Sigmund Freud ausgeführt, dass Kultur die Unterdrückung von Glück und sexuellem Vergnügen unter Arbeit, Monogamie und soziale Zurückhaltung erfordere. Sigmund Freud zufolge sind soziale Zwänge notwendig, damit die menschliche Gesellschaft sich entwickeln kann. Stuart Jeffries fügt hinzu: „Das ungehemmte Schwelgen in den physischen und psychischen Bedürfnissen des Menschen – im Sinn des von Freud sogenannten Lustprinzips – beeinträchtigt die Freiheit anderer und muss daher mit Hilfe von Regeln und Disziplin – dem, was Freud das Realitätsprinzip nannte – eingeschränkt werden.“ Sigmund Freud hat ein Narrativ entwickelt, wie Individuen ihre Bedürfnisse unterdrücken und sublimieren. Zuerst treiben die Triebe – bei Freud das Es – die Menschen dazu, Lust zu suchen und Schmerz zu vermeiden. Stuart Jeffries arbeitete zwanzig Jahre für den „Guardian“, die „Financial Times“ und „Psychologies“.

Für Sigmund Freud sind Triebe unveränderlich

Im Zuge seiner Entwicklung geht jedoch dem Individuum die traumatische Erkenntnis auf, „dass völlige und schmerzlose Befriedigung der Bedürfnisse unmöglich ist“ – so die Formulierung Herbert Marcuses. Und nun kommt also das Realitätsprinzip – in der Psyche des Individuums repräsentiert durch das Ich – zum Tragen und vermittelt dem Individuum, was sozial zulässig ist. In diesem Prozess ist dann das Individuum nicht mehr länger nur auf Lust fixiert.

Sondern der Mensch entwickelt sich zu einem bewussten, denkenden Subjekt, das auf eine ihm von außen auferlegte Rationalität ausgerichtet ist. Sigmund Freud war davon ausgegangen, dass diese Triebe unveränderlich seien. Herbert Marcuse hingegen argumentierte, dass Triebe, wenn sie unterdrückt werden können, nicht unveränderlich seien; und wichtiger noch: Die spezifische Ausprägung der Gesellschaft, in der sich ein Individuum zu einem bewussten, denkenden Subjekt entwickelt, spielt bei der Ausprägung der Triebe eine Rolle.

Die Menschen leben nicht ihr eigenes Leben

Stuart Jeffries stellt fest: „Faktisch historisierte Herbert Marcuse Sigmund Freud von einer marxistischen Warte aus und behauptete, die von Freud vergegenständlichten Triebe seien unter dem Einfluss des Gesellschaftssystems veränderlich.“ Das wurde klar, als Herbert Marcuse eine grundlegende Unterscheidung zwischen notwendiger und überschüssiger Unterdrückung einführte. Erstere ist die Art von Triebunterdrückung, die, so Marcuse, „für das Fortbestehen der Gattung Mensch in der Kultur“ notwendig sei.

Letztere hingegen, die Surplus-Unterdrückung, ziele darauf, die Triebe in Übereinstimmung mit dem „Leistungsprinzip“ zu bringen. In den Augen Herbert Marcuses handelt es sich dabei um die vorherrschende Form des Realitätsprinzips. Er war der Meinung, dass das Realitätsprinzip im Kapitalismus in eine neuere Form mutiere. In „Eros und Kultur“ schreibt er: „Die Menschen leben nicht ihr eigenes Leben, sondern erfüllen schon vorher festgelegte Funktionen. Während sie arbeiten, befriedigen sie damit nicht ihre eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten, sondern arbeiten entfremdet.“ Quelle: „Grand Hotel Abgrund“ von Stuart Jeffries

Von Hans Klumbies

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