Kinder verlieren die Beziehung zur Natur

Viele Menschen entwachsen der Kindheit mit einer gestörten Beziehung zur Natur. Ihnen wird beigebracht, sie seinen anders als das Land und die Erde und alles, was darin kreucht und fleucht. Später vergessen sie, was sie im Biologieunterricht über Fotosynthese und den Kreislauf des Lebens gelernt haben. Lucy F. Jones stellt fest: „So übersehen wir eine Beziehung, die unserem Geist, sogar unserem Gehirn, guttun kann. Irgendwann zwischen Kindheit und Jugend verlor ich meine Naturverbundenheit – und mit ihr auch das Staunen über die Welt.“ Lucy F. Jones nimmt an, das ist ganz normal in einer Zeit, in der Sozialkontakte, Freunde, das Austesten von Grenzen und die Suche nach Identität das Wichtigste sind. Lucy F. Jones ist Journalistin und schreibt regelmäßig zu wissenschaftlichen Themen, Gesundheit, Umwelt und Natur für die BBC, The Guardian und The Sunday Times.

Es gibt sogar eine Wissenschaft des Staunens

Was man mit seiner Beziehung zur Natur ebenfalls verliert, sind Anlässe zum Staunen. Vielleicht verbindet man Ehrfurcht und Staunen eher mit der Naivität und Unschuld seiner Kindheit. Wow, sagt das Kind, wenn es einen Oktopus oder Schnee oder ein Feuerwerk zum ersten Mal sieht. Doch neue Studien legen nahe, dass das im Erwachsenenalter eine wesentlich größere Rolle spielt, als man meinen würde. Es gibt dafür sogar ein neues Forschungsfeld – die Wissenschaft des Staunens.

Dieses untersucht im Speziellen, wie sich Naturphänomene auf Menschen auswirken. Sie können signifikanten Einfluss auf die mentale und psychische Gesundheit eines Menschen haben. Ja sogar darauf, wie freundlich man zu seinen Mitmenschen ist. Ein Besuch des Grand Canyon oder eine Wildwasserfahrt beispielsweise, sind heute leider nur Teilen der Gesellschaft möglich. Lucy F. Jones fragt: „Ist das Staunen heutzutage ein Luxus?“ Der Autor und Wildnis-Advokat John Muir glaubt, dass jeder Mensch die Schönheit ebenso braucht wie sein tägliches Brot.

Staunen führt zu gesteigertem Glücksempfinden

Auch in der modernen Welt werden viele Erfahrungen des Erhabenen noch immer von Begegnungen mit der Natur ausgelöst. Und dies trotz der zunehmenden Entfremdung der Menschen. Wenig überraschend stellte der amerikanische Psychologe Dacher Keltner, dass Staunen zu gesteigerten Glücksempfindungen führt und Stress reduziert. Lucy F. Jones ergänzt: „Er und sein Forscherteam fanden heraus, dass das Staunen sogar eine recht gewöhnliche Erfahrung ist.“

Im Durchschnitt staunen Menschen zweieinhalb Mal pro Woche, manche Menschen sogar noch häufiger. Alte Menschen staunen mehr, Frauen ebenfalls. „Spaziergänge in der Natur, sich in Musik verlieren oder Kunst betrachten, haben einen direkten Einfluss auf unsere Gesundheit und Lebenserwartung“, so Dacher Keltner. Auch könnte es sich positiv auf Menschen mit psychischen Problemen auswirken. Nach einer Raftingtour nahmen die Symptome von posttraumatischem Stress bei Veteranen um 30 Prozent ab. Sie fühlten sich weniger gestresst und es ging ihnen insgesamt besser. Quelle: „Die Wurzeln des Glücks“ von Lucy F. Jones

Von Hans Klumbies

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