Der Code des Bösen ist unbekannt

Da das Böse nur schwer beschrieben und nicht wirklich erfasst werden kann, wäre es vermessen, den Code des Bösen gleichsam entschlüsseln zu wollen. Reinhard Haller stellt fest: „Dennoch können vonseiten der Kriminalpsychologie und -psychiatrie Verhaltensweisen, Bilder und Szenarien beschrieben werden, die dem Bösen weitgehend entsprechen.“ Es muss sich dabei um Täterpersönlichkeiten und Taten handeln, die weit aus dem Normalen herausfallen, die Hemmschwelle für destruktives Verhalten auf einer sonst nicht gekannten Stufe überspringen und einen hohen Planungsgrad aufweisen. Dies setzt aufseiten der Täter einen psychopatischen Charakter mit fehlendem Einfühlungsvermögen und hochgradigem Sadismus sowie den Willen zur Beherrschung und Entmenschlichung anderer voraus. Es dürfen aber keine so schweren psychischen Störungen oder Erkrankungen vorliegen, als das eine freie Willensbildung nicht mehr möglich wäre. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Ein Mangel an Empathie führt zur Destruktivität

Reinhard Haller erklärt: „Das heißt, Entschluss und Durchführung der bösen Tat müssen gewollt sein und dürfen nicht auf krankhaften Beeinträchtigungen von Verstand und Willen beruhen. Aufseiten der Taten geht es um eine Art der Aggression und die Schwere der Folgen für die Opfer.“ Aus kriminalpsychiatrischer Sicht sind in einer durch und durch bösen Tat einige Elemente, die den Code des Bösen bilden könnten, enthalten. Dazu zählen fehlende Empathie, einseitige Machtverteilung und eine psychopatische Charakterstruktur.

Weitere Elemente sind die Entwürdigung der Opfer, der Planungsgrad, die Schwere der Folgen für die Opfer und die Missachtung des Moralinstinktes. Die Basis aller menschlichen Destruktivität ist der Mangel an Empathie, an der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen. Empathie bezeichnet das Vermögen, das Denken, Fühlen und Wollen anderer Personen zu erkennen, zu verstehen und darauf im wahrsten Sinne des Wortes mitleidig „zu reagieren“. Echtes Verständnis und nicht wertendes Eingehen auf die Mitmenschen in ihrer Gesamtheit, sensibilisiert sie für die Gefühlslage anderer.

Sigmund Freud hat den Empathiebegriff geprägt

Die heutige Bedeutung hat der Empathiebegriff, der vom griechischen Wort für „Leidenschaft“ oder „intensive Gefühlsregung“ herstammt, im Wesentlichen durch Sigmund Freud (1856 – 1939) erhalten. Großen Aufschwung erhielt das Empathiekonzept durch den amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers (1902 – 1987), der die humanische Psychologie begründete. Aber erst als der frühere US-Präsident Barak Obama 2006 in einer Rede von einem „Empathiedefizit“ unserer Gesellschaft gesprochen hat, hat sich die Thematik in Pädagogik, Marketing, Management und auch in der Kriminologie etabliert.

Mangelnde Empathiefähigkeit gilt als eine der wichtigsten Eigenschaften krimineller Menschen, wobei es allerdings um die „richtige“ Empathie, das konstruktiv-positive Mitleiden, geht. Reinhard Haller betont: „Denn auch ein Sadist oder grausamer Mörder kann empathisch sein, wenn er zum Beispiel nachfühlt, welche Qual ein Opfer am meisten trifft.“ Der weltberühmte Physiker und Kosmologe Steven Hawking vertritt die These, dass nur das rechte Einfühlungsvermögen die Menschen in einen ruhigen und friedlichen Zustand bringe, somit in eine Verfassung, in der das Böse keinen Platz hat. Quelle: „Das Böse“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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