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Die Menschen leben heute in einer industriellen Oralphase

Der Philosoph Günther Anders hat schon vor rund einem halben Jahrhundert festgestellt, dass der zentrale Leitbegriff der Kultur, nach dem die Menschen ihr Verhältnis zur Welt organisiert ist, die Oralität ist: „Modell der Sinnesaufnahme ist heute weder, wie in der griechischen Tradition, das Sehen; noch wie in der jüdisch-christlichen Tradition das Hören, sondern das Essen. Wir sind in eine industrielle Oralphase hineinlaviert worden, in der der Kulturbrei glatt hinuntergeht.“ Günther Anders spielt hier ganz bewusst auf einen bedeutenden Begriff der Psychoanalyse von Sigmund Freud an. Sigmund Freud unterschied verschiedene Phasen der psychosexuellen Entwicklung. Dabei ist jede Periode durch die Vorherrschaft bestimmter erogener Zonen gekennzeichnet, die er als Zentren der Lust bezeichnet. Der um den Mund zentrierten oralen Phase folgen bekanntlich die anale und die ödipale Phase und, nach einer Latenzperiode, die genitale Phase.

Das Realitätsprinzip besiegt die Triebwünsche

In diesen verschiedenen Phasen entdeckt der heranwachsende Mensch so seine Möglichkeiten der Lustempfindung, aber auch den Widerstand, der diesen in zunehmenden Maße entgegensteht und überwunden werden muss. Nach dieser, laut Konrad Paul Liessmann durchaus umstrittenen Triebtheorie kommt es zu entwicklungsbedingten Verhalten und Ansprüchen des Kindes, die auch unter normalen Bedingungen an bestimmten Punkten mit der Realität, der Verfasstheit der Umwelt in Konflikt geraten.

Konrad Paul Liessmann fügt hinzu: „In der Regel hat das Kind dabei zu lernen, seine Triebwünsche zugunsten des Realitätsprinzips zurückzustellen.“ Seiner Meinung nach könnte man die These vertreten, dass die orale Phase kollektiv nun auch für die Aktivitäten und die psychische Struktur des Erwachsenen verbindlich geblieben, ja sogar normativ geworden ist. Konrad Paul Liessmann erklärt: „Das passive Aufnehmen durch den Mund, das Saugen, Essen und Trinken gilt auch im übertragenen Sinn als Modell für unsere Verhaltensweisen.“

Der Kapitalismus propagiert eine infantilistische Ethik

Die meisten Menschen sind in erster Linie und vorrangig alle zu Konsumenten geworden. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Konsumieren heißt deshalb, dass andere Formen, mit denen Menschen der Welt bisher gegenübergetreten sind – Auseinandersetzung, Aneignung, Suchen, Erkennen, Glauben, Gestalten, Zweifeln und auch Zerstören –, durch eine uniforme Passivität, deren Modell der orale Verzehr ist, ersetzt worden ist.“ Das macht die Menschen zwar alle zu Mitgliedern einer großen konsumierenden Gemeinde, hält sie aber, tiefenpsychologisch betrachtet, in der infantilen Phase der Oralität gefangen.

Abgesehen davon, welche Erfahrungsmöglichkeiten der Lust dem Menschen durch diese Fixierung auf das Modell oralen Konsumierens entgehen, bedeutet dies auch, dass es tatsächlich schwerer geworden ist, erwachsen zu werden. Der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber hat die These formuliert, dass die Welt des Konsums die Menschen in umfassender Weise infantilisiert. So wie sich der Kapitalismus in seiner Frühzeit einer protestantischen Ethik der Askese verdankte, propagiert der Kapitalismus der Gegenwart ein infantilistisches Ethos.

Von Hans Klumbies

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