Allgemein 

Die Liebe ist ein Urphänomen

Es gibt heutzutage ein krank machendes Verhalten, gegen das schon Viktor Frankl mit großer Leidenschaft zu Felde zog, ein Verhalten, dass nach wie vor eine wesentliche Ursache für das Entstehen existentieller Frustration ist. Gemeint ist der Mangel an Hingabe, an Liebe: zu Menschen, zu Aufgaben, zum Leben. Liebe nannte er die „personale Seinsweise“ des Menschen. Was heißt das? Uwe Böschemeyer erläutert: „ Die Liebe ist ein spezifisch menschlicher, der wichtigste, der einzig normative Wert. Mag er noch so verkapselt, verschüttet, verdrängt sein. Er bleibt eine reale Möglichkeit eines jeden Menschen. Er ist ein Urphänomen.“ Deshalb wartet letztlich jeder Mensch darauf – und sei es ihm noch so unbewusst –, nicht nur geliebt zu werden, sondern auch selbst lieben zu können. Uwe Böschemeyer ist Rektor der Europäischen Akademie für Wertorientierte Persönlichkeit und Leiter des Instituts für Logotherapie und Existenzanalyse in Salzburg.

Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte

Uwe Böschemeyer ergänzt, dass die Liebe viele Aspekte hat: die Liebe zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern, von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk. Neben Viktor Frankl haben auch andere große Geister die Liebe gerühmt wie nichts anderes. Novalis zum Beispiel, der bedeutendste Lyriker der Frühromantik, sagt, die Liebe sei der Endzweck der Weltgeschichte. Also das Eigentliche, der Sinn, das Ziel des Lebens! Martin Luther King, der große amerikanische Bürgerrechtler, sieht in der Liebe die einzige Kraft, die einen Feind in einen Freund verwandeln kann.

Und der Begründer der Mathematik, Physiker und Philosoph Blaise Pascal, setzt die Liebe an die Spitze der Werthierarchie und weist dem Willen und dem Verstand die unteren Plätze zu. Und ein bekannte Wissenschaftler der Gegenwart, der Neurobiologe Gerald Hüther, antwortete in einem Interview auf die Frage, was denn Liebe aus neurobiologischer Sicht bedeute: Sie sei die einzige Form von Beziehung, die Entwicklung ermögliche. Dann sagte er den Satz, der Uwe Böschemeyer hellwach machte: Wenn man der Frage nachgehe, woher die Angst komme, stelle man fest: Die Angst kommt aus Beziehungen.

Wohlwollen dem Leben gegenüber erleichtert die Liebe

Wenn man dann weiterfrage, was denn das beste Heilmittel sei, gelange man sehr schnell zu den Fragen, wo denn die Liebe geblieben sei. Was wäre, fragt Uwe Böschemeyer, wenn die Liebe weiter an Bedeutung verlöre? Er kommt zu folgenden Antworten: Dann würde die Hoffnung Trauerkleider tragen und der Mut zöge sich zurück. Dann breitete sich die sogenannte soziale Kälte weiter aus und die Aggressivität in der Kommunikation nähme noch weiter zu.

Des Weiteren gäbe es noch mehr psychosomatische Erkrankungen als bisher und immer mehr Menschen suchten vergeblich nach Sinn. Kann man lernen, selber zu lieben? Man kann, sagt Uwe Böschemeyer: „Wenn ich mich nicht scheue, die Frage danach, worin ich zu ichbezogen bin, ehrlich und konkret zu beantworten, wenn ich aufhöre, ständig danach zu fragen, was mir zusteht, was ich brauche, was ich will, und damit beginne, mein vielleicht verdecktes oder abgespaltenes Wohlwollen dem Leben gegenüber mehr als bisher zuzulassen.“ Quelle: „Von den hellen Farben der Seele“ von Uwe Böschemeyer

Von Hans Klumbies

Related posts

Leave a Comment