Das Leiden an der Seele ist in Deutschland sehr weit verbreitet

Pro Jahr durchleben rund dreißig Prozent der Deutschen eine psychisch bedingte Krankheit. In der Alterskohorte der 18- bis 35-Jährigen sind sogar fünfundvierzig Prozent davon betroffen. Einige seelische Krankheiten verschwinden wieder von selbst, viele seelische Leiden müssen aber behandelt werden. Allein im Jahr 2010 gingen 53 Millionen Krankentage auf solche Krankheiten zurück. Das Statistische Bundesamt hat errechnet, dass die Arbeitgeber und Krankenversicherung pro Jahr 27 Milliarden Euro für die Behandlung psychischer Störungen ausgeben. In vierzig Prozent der Fälle sind solche Leiden an der Seele dafür verantwortlich, dass zum Beispiel Manager oder Lehrer vorzeitig in den Ruhestand gehen müssen.

Psychische Krankheiten sind mit einem Stigma behaftet

Über seelische Leiden wird heute in der Gesellschaft so offen geredet wie niemals zuvor. Dennoch sagt der Hamburger Psychiater und Psychotherapeut Michael Stark: „Psychisch krank zu sein ist nach wie vor ein Stigma.“ Manche seiner Patienten haben nicht den Mut ihren Freunden zu erzählen, dass sie sich in seiner Klinik behandeln lassen. Dieselben Erfahrungen hat Peter Henningsen, Direktor der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der TU München, gemacht. Er sagt: „Viele Kranke würden sich lieber operieren lassen, als zum Therapeuten zu gehen.“

Vielleicht ist auch deshalb die Behandlungsrate so außerordentlich gering. Nicht einmal dreißig Prozent der Betroffenen, die von einer psychischen Erkrankung gequält werden, haben sich überhaupt versorgen lassen. Auch diesen Befund hat die Studie der Forscher der TU Dresden erbracht. Und wenn sich die seelisch Kranken behandeln lassen, dann oftmals erst Jahre nach dem Ausbruch ihrer Krankheit. Nur etwa zehn Prozent der Menschen mit psychischen Störungen bekommen die Therapie, die ihrer Krankheit angemessen wäre.

Erschöpfung ist nicht automatisch eine psychische Krankheit

Oft erobern nur die durchsetzungsfähigsten Patienten einen Therapieplatz, wie die Psychologin Katja Salkow von der Berliner Saulus-Ambulanz bestätigt: „Klienten mit einer schwerwiegenden Diagnose, die einen Therapieplatz viel nötiger hätten, werden oft weitergeschickt.“ Michael Welschhold bestätigt diesen Trend: „Nicht jeder, der sich ausgebrannt und erschöpft fühlt, ist auch im engeren Sinne psychisch krank und behandlungsbedürftig. Oft brauchen diese Menschen eher vielfältige Lebenshilfe als eine Analyse oder Medikamente. Sie nehmen den Schwerkranken die Plätze weg.“

Von Hans Klumbies

 

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