Autorität funktioniert auf freiwilliger Unterwerfung

Autorität funktioniert aufgrund einer verinnerlichten Norm, daher auch die freiwillige Unterwerfung. Betrachtet eine Gruppe dieselbe Instanz als Autorität, herrscht innerhalb dieser Gruppe großes Vertrauen. Wenn Autorität wegfällt, kommt Misstrauen auf, und es breitet sich rasant eine krankhafte Regulierungswut aus. Paul Verhaeghe ergänzt: „Macht funktioniert über externe Kontrolle und Zwang, doch der ruft sofort Widerstand und Rebellion hervor. Jede Konfrontation mit Macht legt den Grundstein für eine weitere Konfrontation, es entsteht eine Aufwärtsspirale.“ Kontrollmechanismen und Zwangsmaßregeln müssen immer weiter ausgeweitet werden, denn das Ziel ist die totale Beherrschbarkeit. Das Ergebnis ist jedoch genau das Gegenteil. Will man alles beherrschbar machen, funktioniert überhaupt nichts mehr. Von den Folgen des schwindenden Patriarchats spürt man am meisten die hemmungslose, ungebremste Überregulierung. Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent.

Die patriarchale Kultur ist ein hervorragender Nährboden für Schuld und Neurose

Für beinahe alles braucht man heutzutage einen Vertrag oder gibt es zumindest ein Protokoll: deinen detaillierten Leitfaden mit den Prozeduren, die in der betreffenden Situation zu befolgen sind. Solche Regulierungen dienen keineswegs einer besseren Qualität. Man übt Kontrolle aus, weil man dem anderen nicht mehr vertraut, man sichert sich gegen alle möglichen Klagen ab und will den Schuldigen identifizieren können, falls etwas schiefgeht. Ursprünglich kommt dies aus der amerikanischen Betriebsführung.

Autorität funktionierte auf der Basis freiwilliger Unterwerfung, doch die kommt nicht von alleine. Kinder unterwerfen sich erst aufgrund eines externen Zwangs, der lange genug gewirkt hat. Manchmal hält dieser Zwang zu lange an: Eine paternalistische Regierung behandelt auch Erwachsene wie Kinder. Die patriarchale Kultur ist laut Paul Verhaeghe auch ein hervorragender Nährboden für Schuld und Neurose. Heute verstecken sich die Menschen nicht mehr, ganz im Gegenteil. Der postmoderne Mensch setzt sich selbst in Szene, mit allem Drum und Dran.

Depression ist die neue Neurose

Paul Verhaeghe fügt hinzu: „Er unterwirft sich freiwillig dem kontrollierenden Blick aller und wird sogar depressiv, wenn zu wenige Menschen ihm Aufmerksamkeit schenken.“ Der Unterschied zum patriarchalen Modell ist gewaltig. Zur Zeit des Patriarchats identifizierten sich die Menschen mit den Geboten und Verboten des Vaters, aus Angst vor Strafe und Verdammnis. Heutzutage identifizieren sich viele Menschen sich mit den „likes“ von anderen, aus Angst, ausgeschlossen zu werden. Der Druck, der von sozialer Kontrolle ausgeht, ist immens und verpflichtet jeden zu einer neuen Version freiwilliger Unterwerfung.

Wenn man scheitert, schämt man sich oder wird depressiv. Depression ist die neue Neurose. Das patriarchalische System umfasste noch bestimmte Illusionen. Man konnte anderswohin fliehen. Nun gibt es kein „anderswo“ mehr, die Welt ist voll. Oder man konnte den diensthabenden Vater ermorden und durch einen besseren ersetzen. Big Brother kann man jedoch nicht töten, er ist schließlich virtuell und anonym, ein Geist der klickend seine Runden durch das World Wide Web dreht. Quelle: „Autorität und Verantwortung“ von Paul Verhaeghe

Von Hans Klumbies

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