Die Fülle des Vertrauens ist nicht grenzenlos

Es gibt vier Gründe, warum es sinnvoll ist, nicht all das Vertrauen zu wollen, das sich die meisten Menschen offensichtlich dennoch wünschen. Martin Hartmann erklärt: „Zum einen scheint es wenig sinnvoll, den Vertrauensbegriff unbegrenzt zu multiplizieren.“ Zweitens gibt es Gefahren, mit denen man nicht rechnen kann, die also neu oder unbekannt für einen Menschen sind. Der dritte Punkt ist schwieriger zu verstehen. Martin Hartmann erwähnt Niklas Luhmanns Aussage, wonach die Menschen morgens nicht aufstehen würden ohne Vertrauen: „So scheint alles, was wir tun, von Vertrauen getragen zu sein, sonst würden wir es wohl nicht tun.“ Allerdings gibt es immer Alternativen. Aber wie real sind diese Alternativen? In der Freiheitstheorie unterscheidet man manchmal negative und positive Freiheit. Martin Hartmann ist Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern.

Die positive Freiheit eröffnet Optionen

Negative Freiheit ist die Abwesenheit von Zwang und Nötigung. Sie soll dafür sorgen, dass ein Mensch nicht der Willkür eines anderen unterworfen ist. Sie verrät aber natürlich nicht, was man tatsächlich tun kann, weil man die Option dazu hat. Positive Freiheit dagegen verweist auf das, was man tun kann, weil man die Mittel dazu hat, sie eröffnet einem Menschen Optionen. Der Preis für ein Leben ohne umfassendes Vertrauen erscheint allerdings extrem hoch, machen würden sagen, der Preis heißt Isolation oder Wahnsinn.

Martin Hartmann stellt fest: „Wenn das keine reale Option für uns ist, dann verliert die Rede vom umfassenden Vertrauen ein wenig an Kontur, obwohl sie nach wie vor nicht ganz sinnlos ist.“ Sie sind unter normalen Bedingungen einfach uninformativ. Nur weil es zu fast allem, was man tut, Alternativen gibt, sollte man nicht meinen, dass das, was man tut, von Vertrauen getragen ist, weil man es tut. Wer hier anders denkt, produziert in den Augen von Martin Hartmann das, was er die Fülle des Vertrauens nennt.

Ob jemand vertraut ist am Handeln kaum ablesbar

Jean-Paul Sartre hat in seinem berühmten Buch „Das Sein und das Nichts“ einmal geschrieben, der Gefangene im Gefängnis sei immer frei auszubrechen, er könne jederzeit seinen Ausbruch entwerfen und dann sogar anfangen, an der Mauer zu kratzen. Das ist sicher richtig, er kann das tun, auch wenn es in den meisten Fällen zu nichts führen wird. Hier hat man es mit einer theoretischen Möglichkeit zu tun. Hat man keine echte Wahl, dann kann man am Handeln kaum ablesen, ob jemand vertraut oder nicht.

Die Philosophin Onora O`Neill drückt es so aus: „Es kostet nicht gerade viel, ein vom Handeln abgelöstes Misstrauen zu behaupten.“ Viertens gilt: Je breiter man den Vertrauensbegriff verwendet, desto eher erlaubt man allen möglichen dubiosen Leuten und Unternehmen, das eigene Vertrauen gewinnen zu wollen. Martin Hartmann erläutert: „Wäre klar, dass Vertrauen ein selteneres Phänomen ist, als man annimmt, dann käme nicht jeder darauf, es von uns zu fordern.“ Quelle: „Vertrauen“ von Martin Hartmann

Von Hans Klumbies

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