Auch Gefühle kann man lernen

Jeder Mensch hat die Fähigkeit, Zuneigung zu fassen und Zuneigung zu wecken. Dadurch entstehen die möglichen Bahnen, auf denen sich im Geflecht seiner unendlichen Lebensbeziehungen Sinn materialisiert. Isabella Guanzini erklärt: „Wir kommen in der Sprache der ursprünglichen Zärtlichkeit zur Welt. Und so können wir auch nur dank der Sprache der alltäglichen Zärtlichkeit in der Welt leben und sie menschlich gestalten.“ Der Unterricht in der Schule setzt immer mehr auf kognitive Techniken wie Mind Maps. Man muss jedoch auch eine Bildung fördern, die Landkarten der Gefühle entwirft. Diese kann der Gefühlswelt der aufwachsenden Generationen eine Orientierung geben und Triebe in Begehren verwandeln. Das Wichtigste ist heute die lustvolle Fähigkeit zum kollektiven Aufbau, damit eine Politik des Gemeinsinns entstehen kann. Isabella Guanzini ist Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Graz.

Autoritäre Regime verachten die Zärtlichkeit

Denn Politik ist vor allem die Schaffung von Sinn, nicht einfach von Konsens. Es ist der Sinn, der einen Menschen erleichtert aufatmen lässt, ein Fester aufreißt, neue Möglichkeiten im Status quo entdecken lässt. Die Alternative sind Stagnation und emotionale Abschottung als Schlüsselelemente von Machtdispositiven und autoritären Regimes. Solche Formen der Macht verachten jegliche Form der Zärtlichkeit. Sie setzen Kontrollmechanismen ein, welche die Trennung der Subjekte und die Hemmung des freien und kritischen Austauschs der Gefühle anstreben.

Echte demokratische Kämpfe sind daher Kräfte, die das Soziale aufbauen, unablässig Zusammenhänge weben und die Stagnation in Fluss bringen. Dadurch entstehen Risse im harten Panzer geschlossener Machtstrukturen. Isabella Guanzini ergänzt: „In diesem Prozess lassen sich neue Möglichkeiten von Annäherungen, Zuneigungen und kollektiven Bahnen entdecken.“ Nur so können die Körper wieder neue Fähigkeiten der Wahrnehmung und neue Lebenskräfte entwickeln. Dadurch können sie jeglichem Regime der Unterdrückung entrinnen.

Eros ist ein Philosoph

Der Tod ist das Sinnbild des inadäquaten Lebens, eines Lebens, das seine Beziehungsfähigkeit verliert. Es fühlt sich der äußeren Welt unterworfen und ist unfähig, am Austausch von Gefühlen teilzunehmen. Sterben ist demnach, als würde man jeglichen Kontakt verlieren, passiv ein Leben erleiden, das sich wie ein fremder Körper anfühlt. Dessen verschiedene Teile finden keine Einheit, weder mit sich selbst noch mit anderen. Sterben heißt, auf der Oberfläche des Meeres zu treiben und mit dem Auf und Ab der Wellen allmählich abzudriften.

Auch Gefühle kann man lernen, ebenso kann die Wahrnehmung feinfühliger werden. Darum braucht es eine Karte zur Orientierung. Nicht nur, um denken zu lernen, sondern auch um fühlen zu lernen. Auch wenn diese Unterscheidung seit den Anfängen der abendländischen Philosophie keine große Rolle zu spielen scheint, so dass Platon im „Symposion“ sogar erzählt, Eros sei ein Philosoph. Die Menschen sind frei, ihre im Wesentlichen selbstzentrierte Standardeinstellung gegenüber anderen und der Welt zu verändern. Das bedeutet, die hirnlastige Einstellung zu deaktivieren, die es für legitim hält, sich in Abstraktionen zu verlieren. Quelle: „Zärtlichkeit“ von Isabella Guanzini

Von Hans Klumbies

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