Der Mensch ist alles andere als ein rationaler Optimierer

Das im 20. Jahrhundert vorherrschende Menschenbild in Ökonomie und Politik wirkt für Matthew B. Crawford im Rückblick wenig überzeugend. Es besagte, der Mensch sei ein rationales Wesen, das alle für seine Situation relevanten Informationen sammle, die besten Mittel zum Erreichen seiner Ziele auswähle und schließlich die optimale Entscheidung fälle. Die Annahme lautete, Menschen seien zu solchem Vorgehen imstande, weil sie wüssten, was sie wollten, und die Ermittlung der optimalen Entscheidung sei einfach, weil es keinen Konflikt zwischen den persönlichen Interessen gebe, die alle auf derselben, eindimensionalen „Utilitätsskala“ angesiedelt seien. Die psychologisch besser geschulten „Verhaltensökonomen“ haben diese Vorstellung vom Menschen als einem rationalen Optimierer einer gründlichen Prüfung unterzogen. In zahlreichen Arbeiten haben sie gezeigt, dass ein Mensch immer wieder Opfer des sogenannten „Planungsfehlschlusses“ wird. Matthew B. Crawford ist promovierter Philosoph und gelernter Motorradmechaniker.

Viele Menschen können Wahrscheinlichkeiten sehr schlecht einschätzen

Die meisten Menschen unterschätzen durchweg, wie lange sie brauchen werden, um eine Aufgabe zu erledigen – egal, wie oft sie in der Vergangenheit von derselben Fehleinschätzung überrascht wurden. Wenn sie größere Zusammenhänge verstehen und Prognosen über die zukünftige Entwicklung anstellen wollen, messen sie den jüngsten Ereignissen übermäßige Bedeutung bei. Im Allgmeinen sind Menschen sehr schlecht darin, Wahrscheinlichkeiten zu schätzen. Sie sind weniger rationale Optimierer als vielmehr Geschöpfe, die sich bei wichtigen Entscheidungen auf vorgefasste Meinungen und unausgereifte Heuristik stützen.

Außerdem sind die meisten Menschen keineswegs so fleißig, wie das Bild vom rationalen Optimierer suggeriert. Denn es widerspricht der grundlegenden Funktionsweise des menschlichen Verstandes, alles zum Gegenstand von Überlegung und bewusster Beurteilung zu machen. Im Allgmeinen hängt die Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten weitgehend davon ab, wie einem Menschen diese Möglichkeiten präsentiert werden – das geht so weit, dass man gegen die eigenen Interessen entscheidet, wenn man mit einer entsprechenden Darstellung in diese Richtung geschupst wird.

Ein autonomer Mensch kann selbst entscheiden und seine Möglichkeiten optimieren

Matthew B. Crawford erklärt: „Hier eröffnet sich also eine Möglichkeit zu einer kaum spürbaren sozialen Intervention, die niemanden zu einem Verhalten zwingt, sondern die Menschen einfach in eine gesellschaftlich vorteilhafte Richtung lenkt.“ Man könnte einen solchen Eingriff als administrative Hilfseinrichtung bezeichnen. Eine solche Lenkung menschlicher Wesen hat in einem modernen Staat zweifellos ihren Platz. Doch das Ideal der Autonomie beruht auf der Vorstellung von einem Selbst, das sein eigener Herr ist, weil es alles vor Augen hat, weil ihm alles als Material zur Verfügung steht, so dass er selbst entscheiden, planen und seine Möglichkeiten optimieren kann.

Beim autonomen Menschen existieren keine Determinanten seines Handelns, die er nicht steuern könnte. In diesem Bild ist kaum Platz für die eigene Abhängigkeit von anderen oder die Eingrenzung der persönlichen Freiheit durch verschiedene Rahmenbedingungen, die man nicht selbst gestaltet, sondern geerbt hat. Matthew B. Crawford geht es um einen anderen Gegensatz zwischen Vorrichtung und Schubs. Es geht ihm um die Quelle der äußeren Autorität: um die administrative Vorschrift oder um etwas mehr Organisches – etwas, das aus der sozialen Welt kommt. Quelle: „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ von Matthew B. Crawford

Von Hans Klumbies

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