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Bestimmte aggressive Handlungen kann man durchaus positiv bewerten

Wenn man Aggression als gezieltes Wehtun und Schädigen definiert, so ruft das nicht selten Widerspruch hervor: „Aggression sollte man nicht nur negativ sehen, sie kann doch auch gute Seiten haben.“ Die Argumente, die hierfür vorgebracht werden, gehen nach der Erfahrung von Hans-Petr Nolting in drei Richtungen: „Die erste geht von einem ganz andersartigen, sehr weit gefassten Aggressionsbegriff aus. Sie meint alle Formen des „In-Angriff-Nehmens“, des offensiven Verhaltens, angelehnt an den lateinischen Ursprung des Wortes: aggredi = herangehen.“ Tatkraft, energisches Auftreten, zupackendes Arbeiten, überhaupt jede kraftvolle Aktivität sind dann eine Form von Aggression. Dehnt man den Begriff der Aggression in dieser Weise aus, bekommt er zwangsläufig auch positive Facetten. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Aggressives Verhalten ist ein Ausdruck natürlicher Emotionen

Hans-Peter Nolting warnt: „Doch so eine Ausweitung stiftet nur Verwirrung.“ Deshalb: Wenn man Tatkraft meint, sollte man Tatkraft sagen und nicht Aggression. Die zweite Argumentationslinie sieht das Gute der Aggression in den positiven Ergebnissen: Wird der Tyrannenmord nicht zu Recht von den meisten Menschen gutgeheißen, weil er viel Leid beenden kann? Diese Argumentation – im Kern: Der Zweck heiligt die Mittel – lässt sich gewiss nicht pauschal zurückweisen. Selbst pazifistisch denkende Menschen sehen manchmal keinen anderen Ausweg als Gewalt.

Man kann mithin bestimmte aggressive Handlungen durchaus positiv bewerten, obwohl sie – sonst wären sie nicht aggressiv – gezielt schädigen und wehtun. Uns selbstverständlich kann ein und dieselbe aggressive Handlung von zwei Menschen ganz unterschiedlich bewertet werden. Was die „richtige“ Bewertung ist, liegt außerhalb der Wissenschaft. Bewertungen sind letztlich subjektiv und oft auch sehr parteiisch, im persönlichen Umgang ebenso wie im politischen Feld. Die dritte Argumentation bewertet aggressives Verhalten positiv, weil es ein natürlicher Ausdruck natürlicher Emotionen und daher völlig legitim sein.

Ohne Opfer gäbe es kein Aggressionsproblem

In eben diese Richtung argumentiert unter anderem der dänische Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch „Aggression“. Er glaubt, ein gefährliches „Aggressionstabu“ entdeckt zu haben, und hält dagegen, Aggression sei „für uns und unsere Kinder notwendig“. Für Hans-Peter Nolting gibt es hier einiges zu differenzieren und abzuwägen: „Gewiss ist nicht jedes aggressives Verhalten ein ernsthaftes Problem, aber allzu oft leider doch.“ Der entscheidende Punkt: Neben denen, die ihren Emotionen freien Lauf lassen, gibt es auch noch die anderen, die das zu ertragen haben.

Gäbe es keine Opfer, gäbe es in der Tat kein Aggressionsproblem. Der gute Grund für Zurückhaltung beim Agieren von Emotionen lautet also ganz schlicht: Rücksichtnahme. Eine scharfe Grenze zwischen „akzeptabel“ und „inakzeptabel“ lässt sich zwar nicht ziehen, doch lassen sich einige Kriterien nennen. So kommt es immer auch auf das konkrete Verhalten an. Es ist zum Beispiel ein Unterschied, ob jemand nur laut poltert oder aber andere herabsetzt, lächerlich macht und einschüchtert. Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies

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