Ein Denkzettel soll zum Nachdenken anregen

Eng verwandt mit der Rache ist das Verpassen eines Denkzettels. Man meint damit eine Bestrafung, die eine falsch handelnde Person zum Nachdenken anregen soll. Reinhard Haller ergänzt: „Der Denkzettel soll nach einem Fehlverhalten als Lehre dienen. Der Begriff stammt von einer längst nicht mehr zeitgemäßen Erziehungsmaßnahme des 16. Jahrhunderts, als man Internatszöglingen bei wiederholten Verstößen gegen die Hausordnung oder die guten Sitten sogenannte „Schandzettel“ umhängte, auf denen deren Vergehen aufgelistet waren.“ Je nach Art und Schwere dieser Vergehen mussten die Schüler solch anklagende Schriftstücke zum Gespött der Mitschüler tage- oder wochenlang tragen. Positiver ist die Bedeutung der Denkzettel im Judentum, wo beim Gebet Pergamentstreifen mit Bibelsprüchen an den auf das Herz hinweisenden linken Oberarm oder an die Stirn gebunden wurden. Der Psychiater und Psychotherapeut Reinhard Haller arbeitet vornehmlich als Therapeut, Sachverständiger und Vortragender.

Vergeltung meint nicht das Gleiche wie Rache

Martin Luther verwendet dafür in seiner Bibelübersetzung den Ausdruck „Gebetsriemen“. Heute spricht man von Denkzetteln vor allem im Zusammenhang mit Wahlen, wenn eine Partei ein schlechtes Ergebnis erzielt oder ein Kandidat abgewählt wird. Mit dem neutraleren und rationaleren Ausdruck „Vergeltung“ ist nicht genau das Gleiche gemeint wie mit jenem der Rache. Denn Vergeltung ist nicht nur destruktiv, sondern kann als Reaktion auf eine Wohltat, als Belohnung für erwiesene Dienste, gerade noch positiv gemeint sein.

Deshalb ist der Wortstamm auch im verwandten Begriff „Geld“ und in der Dankesformel „Vergelt´s Gott“ enthalten. Reinhard Haller erläutert: „Im eigentlichen Sinn ist sie als Reaktion auf eine vorhergegangene Aktion zu verstehen und soll einen Ausgleich zwischen Leistung und Gegenleistung herstellen.“ Ursprünglich beruht Vergeltung auf dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ und gehört zum Gleichheitsgrundsatz der Menschenrechtskonventionen.

Die Blutrache ist ein archaisches Prinzip

Heute wird bei Vergeltung meist an bestrafende Rache gedacht. Der Vergeltungsbegriff wird in nahezu jedem Krieg missbraucht, um Gräuel an der Zivilbevölkerung und an Unbeteiligten zu rechtfertigen. Die Blutrache, im Süden Italiens als „Vendetta“ bezeichnet, ist ein archaisches Prinzip zur Rache an Verbrechen, welches ursprünglich auf dem Talionsprinzip – Gleiches mit Gleichem vergelten – beruhte. Sie verfolgte das Ziel, die angegriffene Ehre einer Person oder deren Familie wieder herzustellen und den Schädiger für sein Verbrechen sühnen zu lassen.

Zum Ehrenkodex der Blutrache, die neben Süditalien in einigen Balkanländern sowie im Nahen und Mittleren Osten eine lange Tradition hat, gehörte das „gerechte Heimzahlen“, das heißt, die Rache sollte ausgleichend wirken und den Konflikt definitiv beenden. Reinhard Haller erklärt: „Die Möglichkeit zur Blutrache vermittelte allen Familienmitgliedern einen gewissen Schutz. Als sie später von Verbrecherbanden, von Clans und mafiösen Organisationen übernommen wurde, galt sie nicht nur dem ausgleichenden Rächen, sondern der Abschreckung und Terrorisierung, sodass immer mehr und mehr heimgezahlt als vergolten wurde.“ Quelle: „Rache“ von Reinhard Haller

Von Hans Klumbies

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