Niemand gibt Entfremdung in der Familie zu

Entfremdung in Familien ist ein Tabu. Niemand gibt gern zu, sein Kind nicht zu verstehen und nicht mit ihm klarkommt – und das Kind nicht mit ihm. „Das rührt an unsere Angst vor Isolation und Ablehnung“, sagt Psychiater Oliver Dierssen. Viele Menschen reden immer von einer bedingungslosen Liebe zwischen Eltern und Kindern. Entspricht das der Beobachtung von Oliver Dierssen? „Alle Menschen haben das Bedürfnis nach bedingungsloser Liebe, auch die meisten Familien, die bei uns Rat suchen. Das sind Eltern, die oft mit sehr großer Verzweiflung um die Beziehung zu ihren Kindern kämpfen“, betont Oliver Dierssen. Diese Beziehungen sind belastet, mit immer wiederkehrenden Konflikten und Entfremdung – das Gegenteil von bedingungsloser Liebe. Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen betreibt eine Praxis in Gehrden, einer Kleinstadt bei Hannover.

Beim Streit sollte es nur um Bedürfnisse gehen

Typische Konflikte sind, dass Kinder sich nicht mehr an Regeln halten und sich abwenden. Sie reagieren weder auf Lob noch auf das Androhen von Strafe. Die betroffenen Eltern fühlen sich machtlos, abgelehnt, vermissen Respekt. Wenn sie lernen, mit solchen Ohnmachtsgefühlen und Verletzungen des Selbstwertgefühls besser umzugehen, und verstehen, warum sie ihnen so zusetzen, verliert der Streit seine Schärfe. Gibt es Erziehungsstile, die helfen solche Situationen zu vermeiden?

Oliver Dierssen rät: „Für Kinder ist es nicht gut, wenn es wie in der autoritären Erziehung immer nur ums Gehorchen geht. In der bindungs- und bedürfnisorientierten Erziehung können sie leichter herausfinden, wer sie sind, was für Gefühle und Bedürfnisse sie haben.“ Es ist für alle besser, wenn man aus Regelkonflikten Bedürfniskonflikte machen. Dem Kind zu erklären, dass es um 20 Uhr ins Bett soll, weil sie die Eltern auf Zeit für sich freuen, ist leichter, als wenn man erklärt: „Die gehst jetzt in Bett, ansonsten gibt es Fernsehverbot.“

Bei der Erziehung sollte es um Empathie gehen

Ohnmachtsgefühle werden so vermieden, weil es nicht ums Gehorchen, sondern um Empathie geht. Ein Kind muss lernen, dass andere Bedürfnisse manchmal über seinen eigenen stehen. Es kann ihm nicht gut gehen, wenn seine Eltern sich verleugnen. Oliver Dierssen hat ein Buch veröffentlicht, mit dem er Eltern helfen will, Konflikte und „Momente der Fremdheit“ mit ihren Kindern auszuhalten. Jeder Mensch hat Eigenschaften, die einem selbst fremd sind, die man nicht wahrhaben oder schönreden möchte.

Oliver Dierssen kritisiert die Idee vom „Tyrannen-Kind“ und verteidigt „Helikoptereltern“. Der Psychiater erklärt: „Es kursieren sehr negative Bilder über Eltern, die versuchen, ihren Kindern alles aus dem Weg zu räumen oder die ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen, damit es den Kindern um jeden Preis gut.“ Solchen Eltern will Oliver Dierssen nicht das Wort reden, im Gegenteil. Sie tun dem Kind keinen Gefallen – auch wenn er nicht glaubt, dass dadurch Tyrannen entstehen. Quelle: „Wenn Eltern und Kinder sich fremd sind“ von Oliver Dierssen in DIE WELT vom 13. Oktober 2022

Von Hans Klumbies

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