Die Kreativität besteht aus fünf Phasen

Im eigentlichen Sinne versteht man unter Kreativität etwas ganz Besonderes. Die beiden Psychologen Mihály Csíkszentmihályi und Rustin Wolfe definieren damit die Fähigkeit, etwas Originelles zu erschaffen, das gleichzeitig einen Nutzen mit sich bringt. Holger Volland fügt hinzu: „Es bedeutet also, schöpferisch tätig zu sein. Wir unterscheiden zwischen kreativen Ergebnissen, kreativen Fähigkeiten und dem kreativen Prozess.“ Und darin sind Maschinen nicht einheitlich gut. Zu den Fähigkeiten, die mit Kreativität unbedingt einhergehen, zählt die Wissenschaft Problembewusstsein, Ideenreichtum, Flexibilität im Denken, Improvisation, Anpassung einer Lösung an die Realität und Unverwechselbarkeit einer Idee. Können Künstliche Intelligenzen nach dieser Definition kreativ im wissenschaftlichen Sinne sein? Der Informationswissenschaftler Holger Volland lehrte an der Hochschule Wismar Gestaltung und kuratierte große Ausstellungen der Gegenwartskunst in Argentinien und Deutschland.

Das Aha-Erlebnis stellt sich oft ganz unvermittelt ein

Wenn Menschen kreativ sind, gehen sie in fünf Phasen vor, ohne sich das jedes Mal bewusst zu machen: In der sogenannten Vorbereitungsphase beschäftigen sie sich intensiv mit einer Aufgabe, mit bereits existierenden Lösungen und eignen sich die Expertise an, von der sie glauben, dass sie ihnen bei der Problemlösung hilft. Sie schaffen sich das Rüstzeug, um aus dem Vollen schöpfen zu können. Es folgt die Reifungsphase, die den Kreativitätsforschern lange Zeit viele Rätsel aufgegeben hatte. Denn hier passiert erst einmal scheinbar gar nichts.

Das Gehirn arbeitet dabei heimlich weiter an dem Problem, ohne dass man das mitbekommt oder beeinflussen kann. Es knüpfen sich neue Verbindungen im Kopf, alte werden überlagert, und ganz intuitiv entstehen so kreative Erkenntnisse. Die folgende Einsichtsphase ist gut bekannt: Hier gibt es das „Aha“, das sich oft ganz unvermittelt einstellt, wenn einem eine Lösung aus scheinbar heiterem Himmel in den Kopf schießt. Die in der Reifungsphase neu gebildeten Erkenntnisse schwingen sich aus den neuronalen Tiefen des Gehirns hinein in das Bewusstsein. Man verspürt dann das Hochgefühl der Erleuchtung.

Künstliche Intelligenzen kennen keine kreativen Phasen

Es folgt eine Phase der Bewertung, weil ja nicht alle Erkenntnisse wirklich brauchbar sind. Jetzt vergleicht man seine neuen Einsichten mit den bekannten Werten und Normen und entscheidet, ob man sich etwas Brauchbares ausgedacht oder eine Schnapsidee hatte. Zu guter Letzt muss sich eine kreative Erkenntnis in der Ausarbeitungsphase beweisen. Diese kann lange dauern und dafür sorgen, dass man das Ergebnis weiter verfeinert oder ändert. Viele kreative Menschen können sich in dieser Phase gar nicht mehr von ihrem Werk trennen und müssen immer weiter daran feilen und verbessern.

Kreative Künstliche Intelligenzen hingegen funktionieren anders. Sie durchlaufen keine kreativen Phasen, sondern können nach einem Lernprozess in ihrer jeweiligen Teildisziplin Output in beliebiger Menge erzeugen. Als Bewertungsraster für die Sinnhaftigkeit ihrer Ergebnisse dienen ihnen nur Wahrscheinlichkeiten. Während des Lernens häufen sie sehr viel Wissen an. Auch die Menschen kopieren Vorhandenes, lernen durch Nachahmung und erschaffen Neues durch Abwandlung und Variation. Quelle: „Die kreative Macht der Maschinen“ von Holger Volland

Von Hans Klumbies

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