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Das Selbst entsteht durch Resonanz

Die stärkste Droge für den Menschen ist der andere Mensch. Joachim Bauer erläutert: „Die enormen Wirkungen, die Menschen auf andere haben, zeigen sich nicht nur im Privatleben, sondern auch im öffentlichen Raum. Zudem in den Medien und ganz besonders in den sozialen Netzwerken.“ Die Wirkungen, die von anderen Menschen ausgehen können, werden in den meisten Fällen nicht bemerkt. Denn die wechselseitige zwischenmenschliche Beeinflussung geht in der Regel sublim, schleichend und unmerklich vonstatten. Viele nehmen erst dann wahr, dass Einflüsse, die von Mitmenschen ausgehen, das eigene Selbst tatsächlich verändern, wenn sie mit einer gewissen Wucht daherkommen. Wie zum Beispiel bei einer Liebeserklärung oder im Falle einer groben Kränkung. Vor allem die spektakulären Beschädigungen, die durch körperliche Gewalt angerichtet werden, haben den Blick dafür verstellt, dass es keiner sichtbaren physischen Einwirkung bedarf, um einen anderen Menschen biologisch zu verändern. Prof. Dr. Med. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler, Psychotherapeut und Arzt.

Ein Säugling kommt ohne Selbst zur Welt

Der bedeutsamste Einfluss, dem der Mensch ausgesetzt ist, solange er sich unter seinesgleichen aufhält oder mit seinesgleichen kommuniziert, beruht auf Resonanz. Ihre Wirkungen auf den Menschen sind die stärksten überhaupt. Das gilt unabhängig davon, ob sie eine Person wachsen lassen und stärken oder verletzen und schwächen. Durch die Resonanz entsteht das menschliche Selbst. Ein Säugling kommt ohne Selbst zur Welt. Die Anfänge der Entstehung eines Selbst vollziehen ist etwa in den ersten vierundzwanzig Lebensmonaten.

Die Entwicklung des Selbst beruht auf Resonanzen. Diese löst der Säugling in seinen Bezugspersonen aus und sie kehren zu ihm zurück. Joachim Bauer erklärt: „Seine Bezugspersonen dienen dem Säugling als eine Art externes Selbst.“ Resonanzen beeinflussen das Selbst eines Menschen über die Kindheit hinaus. Er wird lebenslang von ihnen adressiert und verändert sich dabei ständig weiter. Diese Veränderungen ereignen sich überwiegend unterhalb des Radarschirms der menschlichen Wahrnehmung.

Ein Kind entwickelt sich nicht von alleine

Den Einflüssen, die im Säugling das Selbst entstehen lassen, bleiben die Menschen lebenslang ausgesetzt. Menschliche Säuglinge sind erlebende Subjekte. Sie besitzen die jedem Menschen zukommende unantastbare Würde, über ein Selbst verfügen sie jedoch – noch – nicht. Das Selbst des Menschen verdankt seine Existenz einer richtig bemessenen Dosis von zwischenmenschlicher „Sonne“. Diese empfängt der Säugling aus seiner sozialen Umwelt. Die Annahme, ein Kleinkind, ein Kind oder ein Jugendlicher entwickle sich, wenn man sie nur nicht daran hindere, von alleine, ist ein gefährlicher Irrtum. Für den bezahlen viele Jugendliche und Erwachsene später teuer.

Der menschliche Säugling ist bei seiner Geburt – und über einen längeren Zeitraum danach – nicht nur motorisch inkompetent, sondern auch ohne scharfe Wahrnehmung. Was ihm nach der Geburt völlig fehlt, ist Orientierung, sowohl zur äußeren Situation als auch zur eigenen Person. Säuglinge wissen nach der Geburt und einige Zeit danach weder, wer sie sind, noch was sich „da draußen“ abspielt. Sie sind anfangs nicht einmal in der Lage, zwischen sich und der Außenwelt zu differenzieren, sie können beides noch nicht trennen. Quelle: „Wie wir werden, wer wir sind“ von Joachim Bauer

Von Hans Klumbies

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