Der Faschismus erfasste wie ein Lauffeuer die Massen

Wilhelm Reich beobachtete zwischen 1930 und 1933 das flutartige Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung, die schließlich zur Machtergreifung Adolf Hitlers führte. Um dieses politische Massenphänomen zu erklären, veröffentlicht er 1933 das Buch „Massenpsychologie des Faschismus“. Seiner Meinung nach erfasste ein elender Mystizismus, wie ihn die nationalsozialistische Ideologie propagierte, wie ein Lauffeuer die Volksmassen, die ihre eigene Unterdrückung bejubelten. Für ihn bestand kein Zweifel, dass der Nationalsozialismus zunächst in den kleinbürgerlichen Schichten die meisten Anhänger fand. Der Kleinbürger wurde zutiefst von einer Lehre angesprochen, die nicht nur seinem Autoritätsbedürfnis entsprach, sondern auch alle seine traditionellen Vorurteile bestätigte.

Der Faschismus war von verdrängten Sexualtrieben gespeist

Würden die Menschen ihre sexuellen Interessen erkennen und wahrnehmen, wäre es laut Wilhelm Reich auch leicht für sie, ihre ökonomischen Benachteiligungen zu bekämpfen. Die sexuelle Aufklärung ist damit ganz eng mit der politischen Agitation verbunden. Der Faschismus war für Wilhelm Reich im Wesentlichen ein Problem der Massenerotik, da die faschistische Idee und Praxis durchweg von verdrängten und entstellten Sexualtrieben gespeist ist, die sich in mystischer und aggressiver Verkleidung Befriedigung zu verschaffen suchten.

Wilhelm Reich vertritt die Auffassung, dass Adolf Hitler die Massen deswegen so mitreißen konnte, weil die individuelle Psychologie des Diktators weitgehend mit der kollektiven Psychologie der von ihm geführten Massen übereinstimmte. Adolf Hitler war seiner Meinung nach nur ein Sprachrohr der Volksschichten, die ihn zur Macht trugen. Der Nationalsozialismus trägt für ihn die Zeichen einer Massenerkrankung und ist keineswegs die Schöpfung eines einzelnen Verrückten.

Kurzbiographie: Wilhelm Reich

Wilhelm Reich wurde am 24. März 1897 in Dobzau (Galizien) geboren. Er studierte Medizin, las aber während seines Studiums auch die Bücher der Philosophen Friedrich Nietzsche, Henri Bergson und F.A. Lange. Sein spezielles Interesse galt aber der Sexuologie. Intensiv studierte er auch die Texte Sigmund Freuds. 1920 trat Wilhelm Reich in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft ein. 1939 wanderte Wilhelm Reich in die USA aus. In New York arbeitete er erfolgreich als Psychoanalytiker und Vegetotherapeut. In seine so genannten Orgonlaboratorien forschte er nach den Geheimnissen des Kosmos und glaubte 1940 die Lebensenergie in der Atmosphäre entdeckt zu haben.

Um diese Lebenskraft einzufangen und nutzbar zu machen, baute er so genannte Orgonakkumulatoren. Mit diesen Apparaten wollte er seelische und körperliche Krankheiten günstig beeinflussen. 1954 wurde Wilhelm Reich von der amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA) wegen Quacksalberei vor Gericht zitiert. Er wurde inhaftiert und seine Akkumulatoren und Schriften vernichtet. Am 3. November 1957 starb der herzkranke Universalforscher im Zuchthaus Lewisburg.

Von Hans Klumbies

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