Seinen Charakter kann der Mensch nicht ändern

Der Charakter ist für den französischen Philosophen Alain, der von 1868 bis 1951 lebte, buchstäblich eine Prägung, die der Mensch von außen empfängt. Natürlich hängt diese Gestaltung auch von seinem Wesen ab. Der Charakter drückt für Alain wohl die Natur aus, aber durch einen Kampf des Menschen gegen die Umstände der Natur. Dies geschieht vor allem durch die Familie, den Beruf, den Handel, die der Natur eines Menschen entgegenstehen können.
Die Laune hat keine Zeit zum Denken

Der Charakter des Menschen verdankt also seinen Mitmenschen sehr viel. Die explosive Natur eines Individuums, die durch die Gesellschaft gezähmt wird, ist das, was den Charakter trägt. Über die Charaktereigenschaften deutscher Genies sagt Alain folgendes; „Ein großer Geist wie Ludwig van Beethoven besteht ganz aus Laune. In Johann Wolfgang von Goethe dagegen weiß der Körper zu grüßen; auch zeigt sich die Natur bei ihm nur durch Listen und Umwege.“

Die Laune schafft laut Alain Unebenheiten, die man leicht durchschaut und sie deshalb physiologisch beeinflussen kann. Der Charakter aber besteht aus der getarnten Laune, dem gedämpften Zorn, aus verdrängten Begierden. Ein schwaches Wesen ist für seine Mitmenschen oftmals ein Rätsel, weil seine Feindseligkeiten von weit her zu kommen scheinen. Alain ist davon überzeugt, dass die Laune keine Zeit zum Denken hat, da sie laut schreit und um sich schlägt.

In jedem Charakter ist ein wenig Traurigkeit

Den Charakter beschreibt Alain wie folgt: „Der Charakter denkt viel. Deshalb ist in jedem Charakter Verstellung und auch ein wenig Traurigkeit.“ Ein geprägter Charakter misstraut selbst dem Glück, da er die Sorge vorweg nimmt, was ihm aus langer Erfahrung zur Gewohnheit geworden ist. Er sorgt sich schon, bevor das besorgniserregende Ereignis eingetroffen ist.

Alle Vorhersagen, die mit der Seele zu tun haben, verwirklichen sich durch die Eigendynamik, die sie vorantreibt. Ein Mensch mit Charakter wird die Dinge und Menschen seiner Umgebung mit seinen eigenen Vorstellungen prägen. Einen Mensch mit einem festen Willen erkennt man, dass er nicht über eine gegebene Situation stundenlang diskutiert, sondern in ihr Fuß fasst und von ihr ausgeht, um sie in seinem Sinne zu verändern. Alain zieht folgendes Fazit: „Es geht nur darum, dem Charakter und der Laune ihren Platz zu belassen; wie es Geschickte tun, die alles zu nutzen wissen. Sagen wir, dass man Charakter haben muss, bevor man Charakter zeigen kann.“

Von Hans Klumbies

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