Von Kindesbeinen an sind die Deutschen auf Erfolg getrimmt

Erfolge auf einem Gebiet, lassen sich nicht gegen Misserfolge aufrechnen, um zu einem summarischen Gesamturteil zu gelangen. Allerdings besteht eine kritische Masse für das Scheitern, allerdings keine feste Größe ist, sondern von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausfällt. Sie hängt beispielsweise von der Mächtigkeit des Denkmals ab, zu dem eine Person gemacht wurde. Ikonen der Gesellschaft dürfen sich nicht den kleinsten Fehler leisten. Je großer der Held, je stärker die Heroisierung einmal war, umso tiefer ist der Absturz, umso gnadenloser das Urteil. Denkmäler stehen oder sie fallen. Hier gibt es nur Schwarz oder Weiß – keine Grautöne. Wer abstürzt, kann sich der Häme der Öffentlichkeit sicher sein. In der Gegenwart fällt sie brutaler denn je aus, da sich in der Anonymität sozialer Netze bequem und gehässig über einen Gefallenen herziehen lässt. Auf der anderen Seite gibt es sogar Menschen, die über ihr Scheitern in der Öffentlichkeit reden, ihr Elend geradezu zelebrieren. Talkshows und Doku-Soaps leben von solchen Menschen, die sie einem voyeuristischen Publikum zum Fraß vorwerfen.

In einer Leistungsgesellschaft ist die Niederlage ein schwerer Makel

Von Kindesbeinen an sind die Deutschen auf Siege und Leistung getrimmt. So hängt es zum Beispiel vom Notendurchschnitt in der Grundschule ab, welchen Verlauf die sogenannte Schulkarriere nimmt. Manche Eltern verharren in dem Irrglauben, dass das Lebensglück ihrer Kinder ausschließlich davon abhänge. Sie belohnen gute Noten mit Geld, die Anstrengung dagegen wird nicht gewürdigt. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, belegt ein schlechtes Schulzeugnis auch das kollektive Versagen der Eltern, Lehrer und des gesamten Bildungssystems.

In einem Gesellschaftssystem, in dem nur die Leistung zählt, empfinden die meisten Menschen eine Niederlage als schweren Makel. Besonders hart treffen Manager ihre Misserfolge, weil die Wirtschaft eine der aggressivsten Ausprägungen der Leistungsgesellschaft ist. Wie anders ist denn sonst der Versuch zu erklären, den Niederlagen noch etwas Positives abzugewinnen. Das Scheitern ist in Deutschland ein Tabu und verbreitet Angst. Studien belegen, dass die Angst vor der Niederlage ein ständiger Begleiter von Firmengründern ist. Quelle: Süddeutsche Zeitung

Von Hans Klumbies

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