Ludwig Binswanger entwickelt die Daseinsanalytik

Sigmund Freud hatte ein tiefes Vertrauen in die materialistischen Dogmen und Denkweisen seiner Zeit, die dem Forschungsgegenstand des Seelenlebens keineswegs adäquat sind, wie Ludwig Binswanger scharfsichtig feststellte. Sigmund Freud schuf eine naturwissenschaftliche Psychologie, die die Idee eines seelischen Apparates vertritt, eine seelisch-sexuelle Energie, die Libido postuliert und in der Sexualität das Psychische allumfassend zu begreifen glaubt. Er zerlegte die menschliche Seele in das Ich, Über-Ich und das Es, die relativ unabhängig voneinander agieren. Alle Veränderungen im Seelenapparat sind angeblich dem Prinzip der Kausalität unterworfen. Ludwig Binswanger war mit solchen Oberflächlichkeiten nicht einverstanden.
Eine Seelenmechanik kann nicht funktionieren

Ludwig Binswanger stellt fest, dass das Freie und Schöpferische im Seelenleben der Menschen von jeher offen von den Forschern anerkannt worden ist. Bedeutende Denker wie Henri Bergson, Wilhelm Dilthey oder Paul Nartorp haben mit überzeugender Klarheit formuliert, dass jegliche Seelenmechanik zum Scheitern verurteilt ist. Ludwig Binswanger fordert, in jeder Lebensäußerung die Person in ihrer Ganzheit zu sehen und zu begreifen. Wenn man die Persönlichkeit eines Menschen als frei und schöpferisch begreift, muss man sie mit den Hilfsmitteln des Verstehens erforschen, die seit Wilhelm Dilthey für das Nachvollziehen von Sinnbildern reserviert bleiben.

Der Mensch kann nur in seiner Ganzheit als Person verstanden werden

Ludwig Binswanger geht davon aus, dass ein geübter Menschenkenner aus seiner Lebenspraxis heraus Menschen schnell und richtig durchschauen kann. Der Psychotherapeut muss bei der Analyse eines seelenkranken Menschen über einen Einblick in alle Sphären des menschlichen Daseins verfügen, die von Situation zu Situation ihre wechselnde Thematisierung erfahren.

Der Mensch bildet für Ludwig Binswanger eine Einheit und Ganzheit, die sich in allen seinen partiellen Lebensäußerungen dokumentiert. Die Person lässt sich dabei allerdings nicht als isoliertes Ich denken, denn sie lebt vor allem in ihren Ich-Du-Beziehungen. Überdies nimmt sie an den überpersönlichen Wesenheiten der Kultur teil. Dazu zählt Ludwig Binswanger unter anderem die Geschichte, die Kunst, die Erziehung, die Ethik sowie die Gesellschaft. Deshalb kann für ihn die psychologische Forschung nur in einer universellen Kultur- und Geisteswissenschaft eingebettet sein.

Kurzbiographie: Ludwig Binswanger

Ludwig Binswanger wurde am 13. April 1881 in Kreuzlingen in der Schweiz geboren. Er studierte Medizin in Lausanne, Heidelberg und Zürich und schloss 1907 seine Studien mit einer psychiatrischen Dissertation bei seinem Doktorvater C. G. Jung ab. Ab 1911 war er medizinischer Direktor des Sanatoriums Bellevue in Kreuzlingen.

Diese Position nahm er bis zum Jahre 1956 ein. Im Anschluss an Martin Heidegger und Sigmund Freud wurde er zum Gründer der daseinsanalytischen Schule der Medizin und Psychiatrie. Ludwig Binswanger starb im Alter von 85 Jahren am 5. Februar 1966 in Kreuzlingen im Kanton Thurgau.

Von Hans Klumbies

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