Bei der Fremdbetreung von Kindern sollte Qualität die Norm sein

Die Debatte über die frühe Fremdbetreuung von Kindern polarisiert in Deutschland laut Jörg M. Fegert wie in kaum einem andern Land. Er macht darauf aufmerksam, dass man in der englischsprachigen Debatte von „early child care“ spricht. Der Begriff „care“ schließt jenes führsorgliche Beziehungselement ein, das für gelingende Betreuung und für eine gute Entwicklung eines Kindes eine grundlegende Voraussetzung ist. Jörg M. Fegert fügt hinzu: „Unstrittig ist in diesem Zusammenhang, dass die Entwicklungschancen und –risiken eines Säuglings oder Kleinkinds von der Qualität früher Bindungen bestimmt werden, allem voran von der Feinfühligkeit der zentralen Bezugsperson (caregiver).“ Professor Dr. Jörg M. Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie  und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm sowie Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

In Beziehungen lernt das Kind den Umgang mit  Emotionen

Denn Kinder sind laut Jörg M. Fegert nur dann bereit ihre Umwelt zu erkunden sowie im Spiel oder sozialen Situationen zu lernen, wenn sie sich in einer emotional sicheren Beziehung eingebettet fühlen. Jörg M. Fegert ergänzt: „Sicher gebundene Kinder sind auch besser als unsichere in der Lage zu lernen. Denn in der frühen Kindheit werden kognitive Fortschritte vor allem durch entsprechende Anregungen durch die Bezugspersonen, die Explorationsbereitschaft und das Neugierverhalten des Kindes bestimmt.“

Jörg M. Fegert vertritt deshalb die These, dass sicher gebundene Kinder daher auch stärker von der Fremdbetreuung profitieren als unsichere. Ansätze frühkindlicher Bildung im Kindergarten, die die Beziehungssicherheit der Kinder und damit deren emotionale Situation rn seiner Meinung nach von vornherein den zentralen Faktor für den Bildungserfolg aus. Auch der Umgang mit Stresssituationen und die Fähigkeit zur Regulation starker Emotionen werden in den frühen Beziehungen erlernt.

Ein Kind kann mehrere Bindungen eingehen

Jörg M. Fegert erklärt: „Menschen lebten die längste Zeit in Gruppen. Familienverbände waren generationsübergreifend und schlossen Hausangestellte sowie andere Mitbewohner im Sinne des römischen Begriffs der „familia“ mit ein. Kinder hatten daher laut Jörg M. Fegert in der Regel schon von den ersten Lebensmonaten an mehrere Bezugspersonen.

Tatsächlich besitzen Kinder die Fähigkeit, schon in der frühen Kindheit mit mehr als zwei oder drei Personen Bindungen einzugehen. Jörg M. Fegert warnt: „Belastend ist „Fremdbetreuung“ aber dann, wenn keine gute Beziehungsqualität gewährleistet werden kann.“ Sein Fazit lautet, dass die Qualität des Beziehungsangebots die zentrale Rolle einnehmen muss. Dies gilt sowohl für die familiäre Erziehung als auch für die Fremdbetreuung.

Von Hans Klumbies

 

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