Jesper Juul fordert von den Eltern weniger Nettigkeit

Eine strenge oder weniger strenge Erziehung ist für Jesper Juul weder besser noch schlechter. Familien können ihr Leben ohne die alten Tabus gestalten, aber dann werden neue entstehen. Jede Generation muss seine eigene Identität finden. Für Jesper Juul ist die deutsche Idee, dass Kindheit romantisch, nett oder süß sei, völliger Unsinn. So sind Kinder nicht und das Leben sieht auch total anders aus.

Kinder müssen Frustrationserfahrungen machen

Jesper Juul sagt: „Diese Barbie-Kinder der letzten zehn Jahre, die von den Eltern in Baumwolle eingepackt werden, nennen wir in Dänemark die Curling-Kinder. Die Eltern rennen vorweg, um jede Unebenheit zu beseitigen, damit bloß nichts wehtut, wie auf der Eisbahn.“

Die Skandinavier sind laut Jesper Juul noch schlimmer als die Deutschen. Sie haben dort die vergangenen achtzehn Jahre mit ihren Kindern so gelebt, dass der Anteil der 14 bis 19-Jährigen, die von Depressionen geplagt und selbstzerstörerisches Verhalten bis hin zum Selbstmord zeigen, um 380 Prozent zugenommen hat.

Der Weg des geringsten Widerstandes bei der Erziehung ist falsch

Jesper Juul schlägt ratlosen Eltern vor, bei der Erziehung sich ihren Kindern als Sparringspartner anzubieten. Die Eltern sagen ihre Meinung, die Kinder setzen ihre dagegen. Wichtig ist dabei, dass die Eltern bereit sind, nachzudenken. Der Erziehungstherapeut gibt den Eltern einen Zeitrahmen von einer Dekade für die Erziehung, danach ist alles zu spät. Jesper Juul erläutert seine These: „Wir haben zehn Jahre Zeit, um mit unseren Kindern zu arbeiten. Mit zwölf Jahren ist es vorbei. Danach weiter über das Leben der Kinder zu bestimmen, ist Eltern nie gelungen, auch nicht, als ich Kind war.“

Laut Jesper Juul gibt es heute viele Eltern, die bei der Erziehung den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Das ist für alle gefährlich, besonders für die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen. „Mach was Du denkst“, darin drückt sich für den Familientherapeuten nicht Freiheit, sondern Faulheit aus. Erziehung bedeutet für Jesper Juul vor allem Manipulation. Entscheidend ist dabei, was in der Beziehung zwischen Kindern und Eltern geschieht. Wenn ein 13-Jähriger seine Eltern mit seinem Standpunkt konfrontiert und trotzdem Mitglied dieser Familie bleibt, das ist Freiheit.

Immer nett sein ist für Kinder ein schrecklicher Zustand

Mit dem vierten Gebot: „Du sollst Vater und Mutter ehren“ kann Jesper Juul nicht viel anfangen. Er plädiert dafür das Gebot neu zu formulieren und sagt: „Es sollte heißen: Du sollst Dein Kind ehren. Das bedeutet: Eltern sollten ihre politischen und religiösen Wertvorstellungen vor den Kinder vertreten, weil Kinder in der Pubertät etwas brauchen, mit dem sie sich vergleichen können, sie brauchen einen Maßstab.“ Die Eltern müssen laut Jesper Juul ihren Kindern eine persönliche Sprache beibringen.

Kurzbiographie: Jesper Juul

Jesper Juul studierte Philosophie und Religionsgeschichte, arbeitete anschließend als Lehrer und Therapeut und gründete später ein Institut für Familientherapie, das „Familylab“, das Eltern betreut. In Bosnien arbeitet er mit Flüchtlingsfamilien. Jesper Juul ist 62 Jahre alt, verheiratet und hat einen Sohn. Quelle: Chrismon 01/2011

Von Hans Klumbies

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