Hinter Gefühlen verbergen sich oft vernünftige Überlebensstrategien

Eyal Winter zeigt in seinem Buch „Kluge Gefühle“, dass sich selbst hinter vermeintlich irrationalen Gefühlen wie Liebe und Hass vernünftige Überlebensstrategien verbergen. Dabei rehabilitiert der Autor auch negative Gefühle wie Neid und Angst, die produktiv sind, wenn man sie nicht leugnet. Eyal Winter erklärt mit Erkenntnissen aus den aus den Forschungsgebieten der Evolution, Neurologie und Spieltheorie sowie anhand von zahlreichen Fallgeschichten, warum Gefühle die meisten Menschen schnell und zuverlässig das Richtige tun lassen. Die emotionalen und rationalen Mechanismen eines Menschen arbeiten Hand in Hand und unterstützen sich gegenseitig. Bisweilen lassen sie sich überhaupt nicht voneinander trennen. Sehr häufig ist eine auf Emotion oder Intuition beruhende Entscheidung viel effizienter – und im Grunde viel besser – als eine Entscheidung, die nach einer gründlichen und genauen Beurteilung aller denkbaren Ergebnisse und Folgerungen getroffen wurde. Eyal Winter ist Professor für Ökonomie und Leiter des Zentrums für Rationalität an der Hebräischen Universität von Jerusalem.

Selbst die Logik trägt häufig Emotionen in sich

Eyal Winter bringt die Sache auf den Punkt: „Emotion birgt Logik, und auch der Logik wohnt häufig Emotion inne.“ Der Autor möchte in seinem Buch auch zeigen, wie Emotionen den Menschen dienen und ihren unmittelbarsten Interessen zugutekommen. Dabei erhellt die Spieltheorie, welche Rollen Gefühle und andere Merkmale des Verhaltens im Zusammenhang mit sozialen Interaktionen spielen. Die Evolutionstheorie dagegen erklärt, wie ein Merkmal des Verhaltens zum Überleben der Gattung Mensch beiträgt.

Den Begriff „Emotionen“ verwendet Eyal Winter in einem Sinn, der weiter gefasst ist als im allgemeinen Sprachgebrauch: „Zu den Emotionen zähle ich nicht nur Phänomene wie Wut und Angst, die allseits als Emotionen gelten, sondern auch Begriffe, die üblicherweise als soziale Normen angesehen werden, wie etwas Fairness, Gleichbehandlung und Großzügigkeit.“ Die Erkenntnisse, die in dem Buch „Kluge Gefühle“ dargestellt werden, beschränken sich nicht nur auf ökonomische Entscheidungen; sie beziehen sich auf ein breites Spektrum von Themenfeldern, die Folgerungen über Politik, Religion, Familie, Sexualität und Kunst einschließen.

Geist und Seele entziehen sich der wissenschaftlichen Erklärung

Eyal Winter bestätigt, dass die Wissenschaft nur ein partielles und undeutliches Bild von der Gesamtheit des menschlichen Fühlens und Denkens gewinnen kann: „Das vollständige Bild ist alles andere als klar und wird vielleicht nie komplett geklärt. Geist und Seele machen das aus, was sich der wissenschaftlichen Erklärung entzieht.“ Die gewichtigsten philosophischen Fragen zum Wesen der Seele und des Lebens bleiben ungelöst. Die Grenze zwischen dem emotionalen und rationalen System des Menschen ist sehr schmal und gewunden.

Wenn Menschen Entscheidungen treffen müssen – seien diese nun lebensverändernd oder völlig trivial –, wird diese schmale Linie meist so verschwommen, dass sie völlig zu verschwinden scheint. Die beiden Systeme sind auf einmal so eng ineinander verschlungen, dass sie nicht mehr unterschieden werden können. In vielen Fällen dienen Gefühle dazu, dass man Entscheidungen rasch und beinahe automatisch treffen kann, aber in manchen Situationen – besonders wenn es um wichtige Themen geht – stellen die Emotionen das rationale Denken in Frage.

Kluge Gefühle
Warum Angst, Wut und Liebe rationaler sind, als wir denken
Eyal Winter
Verlag: Dumont
Gebundene Ausgabe: 287 Seiten, Auflage: 2015
ISBN: 978-3-8321-9787-2, 19,99 Euro

Von Hans Klumbies

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