Helm Stierlin analysiert die Beziehungen innerhalb der Familie

Wie die Beziehung zwischen Mutter und Kind wurde auch die Bedeutung der Familie für die menschliche Entwicklung und Weltbewältigung oft verkannt oder sogar bestritten. Sigmund Freud dagegen war gegenüber der Problematik der Familie nicht blind. Er erkannte, dass Störungen in der Familie einen Anteil bei der Entstehung von Neurosen haben und deren Therapie im Wege stehen. Sigmund Freud schreibt: „Wer überhaupt weiß, von welchen Spaltungen oft eine Familie zerklüftet wird, der kann auch als Analytiker nicht von der Wahrnehmung überrascht werden, dass die dem Kranken Nächsten mitunter weniger Interesse daran verraten, dass er gesund werde als dass er so bleibe, wie er ist.“ Für Helm Stierlin wird die große Bedeutung der Familie als einer Institution für die Erziehung der Kinder besonders deutlich, wenn er sie mit Einrichtungen vergleicht, die die Familie ersetzen wollen.

Die beste Kinderkrippe kann die Familie nicht ersetzen

Helm Stierlin schreibt: „Diese entscheidende Beziehung schwebt nicht in einem beziehungslosen Raum, sondern ist in komplexer Weise in ein umgreifendes Beziehungsfeld eingebettet.“ Unter diesen Gegebenheiten spielt laut Helm Stierlin spielt auch die Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Ehepartner eine besondere Rolle. Nur wenn in ihrem Verhältnis zum Mann wichtige Bedürfnisse, wie zum Beispiel der Wunsch nach sexueller Befriedigung, nach Anerkennung und vertrauender Intimität, befriedigt werden, lässt Helm Stierlin erwarten, dass die Mutter diese Bedürfnissee nicht an ihr Kind heranträgt.

Der Vater spielt beim Beziehungsgleichgewicht in der Familie eine wichtige Rolle

Helm Stierlin erläutert, dass so die in ihrer Beziehung zum Kinde so wichtig werdenden Beziehungsgleichgewichte, etwa von Gleichheit und Verschiedenheit sowie Nähe und Distanz dadurch vom Vater mitgetragen werden. Dadurch entsteht seiner Meinung nach weniger Gefahr, dass die Mutter ihr Kind früh überfordert und, damit einhergehend, mystifiziert. Viele Beobachtungen an den Familien schizophrener Kinder lassen eine mangelnde gegenseitige Befriedigung der Ehepartner erkennen.

Zwischen solchen Eltern herrscht ein Klima negativer Gegenseitigkeit. Helm Stierlin schreibt: „Anstatt sich gegenseitig anzuerkennen und zu stützen, versuchen die meisten Ehepartner einander zu unterminieren und an den wundesten Punkten zu treffen.“ Solche Paare führen offen Krieg im Angesicht ihrer Kinder. Eine Minderzahl der Ehepartner verschleiert ihre Auseinandersetzungen durch eine Fassade der Pseudo-Harmonie. Murray Bowen charakterisiert diesen Zustand als „emotionale Scheidung“ der Ehepartner.

Kurzbiographie: Helm Stierlin

Helm Stierlin, geboren 1926, studierte Philosophie und Medizin in Heidelberg, Freiburg und Zürich. Von 1957 bis 1974 arbeitete er als Psychiater und Psychotherapeut hauptsächlich in den USA. In der Zeit von 1966 bist 1974 betrieb er klinische Forschung am National Institute of Mental Health in Bethesda, und zwar mit den Schwerpunkten Schizophrenie, Psychopathologie der Adoleszenz sowie Familientherapie.

Von 1974 bis 1991 leitete Helm Stierlin die Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung an der Universität Heidelberg. Zu seinen wichtigen Veröffentlichungen zählen unter anderem: „Das Tun des einen ist das Tun des anderen“, Adolf Hitler. Familienperspektiven“ sowie „Eltern und Kinder im Prozess der Ablösung“.

Von Hans Klumbies

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