Gewohnheiten haben zu Unrecht ein schlechtes Image

Heute wird sehr vieles schnell zur Sucht erklärt. Dabei handelt es sich oft um Gewohnheiten. Und die haben zu Unrecht ein schlechtes Image. Denn ohne Gewohnheiten müsste man selbst die kleinste und unbedeutendste Handlung planen und analysieren. Das würde den Alltag enorm komplizieren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. Gewohnheiten sind zutiefst menschlich. Erst sie ermöglichen kluge Gedanken und zügiges Arbeiten. Indem vieles von wie selbst läuft, gewinnt das menschliche Gehirn Zeit, sich größeren Fragen zu widmen. Professorin Nicole Calakos von Duke-Universität (USA) erklärt: „Wir schalten dann quasi auf Autopilot.“ Eine gute Gewohnheit ist wie ein Flugticket zum nächsten Zwischenziel. Dennoch spricht man öfter von schlechten als von guten Gewohnheiten. Professor Christian Lüscher, Neuronenwissenschaftler an der Uni Genf, erläutert: „Menschen sprechen oft schon von Sucht, wenn sie mal ein paar Stück Schokolade essen.“

Eine Sucht führt zu Gesundheitsschäden oder zu Einschränkungen der Lebensqualität

Experten wie Christian Lüscher finden, dass der Begriff Sucht heute zu inflationär verwendet wird. Sie halten das, was andere als solche bezeichnen, schlicht für eine ausgewachsene Gewohnheit. Doch wer immer wieder auf sein Smartphone starrt, gilt schnell als Handy-süchtig, wer Süßigkeiten liebt, als Zucker-abhängig. Diese Sichtweise tut allen unrecht: denen, die gerne ihrer Gewohnheit frönen, ohne ihr verfallen zu sein. Und denen, die tatsächlich an einer Sucht leiden. Christian Lüscher erläutert: „Wenn der Zwang, etwas zu nehmen oder etwas zu tun, so stark ist, dass man Gesundheitsschäden oder Einschränkungen der Lebensqualität in Kauf nimmt, dann ist es eine Sucht.“

Wenn die Beziehung auf der Kippe steht, weil der Partner nur noch im Internet surft. Oder wenn jemand haufenweise Süßes isst, obwohl der Arzt bereits ernsthafte Gewichtsprobleme diagnostiziert hat. Dann deutet dies auf eine Sucht hin. Dabei läuft das Belohnungssystem im Gehirn aus dem Ruder. Jedes Mal, wenn man eine Droge nimmt oder eine angenehme Handlung ausführt, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Die Folge: ein Hochgefühl, das man so oft wie möglich erleben will.

Schlechte Gewohnheiten kann jeder mit etwas Mühe selbst ablegen

Für Gewohnheiten spielen hingegen eher die Basalganglien unter der Großhirnrinde eine wichtige Rolle. Sie sind an vielen automatisch ablaufenden Aktionen beteiligt und erzeugen – vereinfacht gesagt – zwei Signale: ein Stopp- und ein Los-Signal. Hat ein Mensch eine Handlung ausgeführt und hat sie sich gut angefühlt, wiederholt er sie wahrscheinlich. Nach und nach hinterlässt die wiederholte Handlung Spuren im Gehirn, man hat sie sich eingeprägt. Jetzt kann sie im Autopilot ablaufen.

Bei einer Sucht oder einem Zwang brauchen Betroffene Hilfe. Schlechte Gewohnheiten kann jeder mit etwas Mühe selbst ablegen. Professor Judson Brewer von der Yale School of Medicine in New Haven (USA) erforscht, das das Training der Achtsamkeit dabei hilft: „Es geht darum, neugierig das Gefühl zu beobachten, das man bekommt, wenn man sich etwa nach einem Stück Schokolade sehnt.“ Das Ziel: dieses Gefühl erkennen und sehen, dass man es aushalten kann, dass es verebbt – selbst wenn man ihm nicht nachgibt. Quelle: Apotheken Umschau

Von Hans Klumbies

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