Erwin Ringel erörtert die Rolle der kindlichen Sexualität

Dass die Sexualität zu den am häufigsten und intensivst verdrängten Trieben des Menschen gehört, war für Erwin Ringel eine der wichtigsten Endeckungen von Sigmund Freud. Heute dagegen herrscht in weiten Kreisen die Vorstellung, dass die Kinder engelgleiche Wesen seien, die mit schmutzigen Trieben, insbesondere mit der Sexualität, in Verbindung zu bringen, wird schon fast als Verbrechen bezeichnet.“ Diese Auffassung ist eine Rückkehr in längst überwunden geglaubte Zeiten, in denen eventuelle Spuren von kindlichem Sexualinteresse als ein Symptom schwerer Abnormalität aufgefasst wurden.

Die infantile Sexualität des Kindes

Die Wirklichkeit sieht nach Erwin Ringel ganz anders aus. Er zitiert Anna Freud, die ihre psychoanalytischen Entdeckungen wie folgt ausgedrückt hat: „Das junge Kind, seinen Triebwünschen ausgeliefert, ist ein primitives, unzivilisiertes Wesen. Es ist unsauber und aggressiv, selbstsüchtig und rücksichtslos, unbescheiden und neugierig, unersättlich und zerstörerisch.“

Die Sexualität tritt beim Kleinkind laut Erwin Ringel in einer infantilen Form in Erscheinung, da sie ja noch nicht wie beim Erwachsenen im Dienste der Fortpflanzung steht. Zuerst erlebt das Kind eine lustvolle Stimulierung der Mundschleimhaut durch den Milchstrom, den es von Anfang an einsaugt. Beim Übergang vor der oralen zur analen Phase entdeckt es den Bereich des Afters als neue erogene Zone. In der dritten Phase gilt die Zuwendung des Kindes dem Genitalbereich selbst und seine Berührung erzeugt Lust.

Eltern müssen ihre Kinder mit Geduld und Liebe erziehen

Nach Erwin Ringel ist es die Aufgabe der Eltern, dieses vielfältige, triebmäßige Rohmaterial durch eine gute Erziehung so zu formen, dass sich das Kind in der zivilisierten Welt zurechtfindet. Doch in der Erziehung begehen viele Eltern schwere Fehler. Erwin Ringel schreibt: „Hier beginnen aber schon die katastrophalen Missverständnisse, denn viele Erwachsene fassen die kindlichen Triebe als Unarten auf, die man dem jungen Erdenbürger so rasch wie möglich und mit aller Härte sowie Brutalität abgewöhnen müsse.“

Die meisten Eltern interpretieren fälschlicherweise die oralen Wünsche als Gier, die analen Spiele als Unsauberkeit sowie die sexuelle Neugier als Schamlosigkeit. Selbstverständlich muss beim Kind die Wandlung vom Lust- zum Realitätsprinzip vollzogen werden, aber sie muss laut Erwin Ringel begleitet sein von zwei entscheidenden Verhaltensweisen: Geduld und Liebe!

Kurzbiographie: Erwin Ringel

Der bekannte Wiener Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Erwin Ringel wurde am 27. April 1921 in Temesvár, Rumänien, geboren. Als Suizidforscher baute er 1948 das erste Präventivzentrum für Selbstmordgefährdete in Wien auf. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen: „Der Selbstmord. Abschluss einer krankhaften Entwicklung“, „Selbstmordverhütung“, „Die österreichische Seele“, „Die ersten Jahre entscheiden“, sowie „Selbstschädigung durch Neurose: Psychotherapeutische Wege zur Selbstverwirklichung“. Erwin Ringel starb am 28. Juli 1994 in Bad Kleinkirchheim an Herzversagen.

Von Hans Klumbies

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