Furchtlosigkeit erzeugt ein Gefühl der Stärke und Freude

Neben der Hoffnung und dem Glauben gibt es noch ein weiteres Gefühl, das sehr eng mit dem Leben verbunden ist, nämlich der Mut oder wie Baruch Spinoza es zu nennen pflegte, die Seelenstärke. Denn der Begriff Seelenstärke, abgeleitet vom lateinischen fortitudo, bezeichnet Erich Fromm als den weniger vieldeutigen Ausdruck wie Tapferkeit, wie fortitudo auch übersetzt werden könnte. Denn mit Tapferkeit bezeichnet man seiner Meinung häufiger den Mut zu sterben und nicht den Mut zu leben. Seelenstärke ist für Erich Fromm auch die Fähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, Hoffnung und Glaube dadurch zu gefährden, dass man sie in einen wertlosen  Optimismus oder in einer irrationalen Glauben umwandelt, wodurch sie vernichtet werden. Erich Fromm schreibt: „Seelenstärke ist die Fähigkeit, nein sagen zu können, wenn die Welt ja hören will.“

Erich Fromm beschreibt drei völlig unterschiedliche Einstellungen der Furchtlosigkeit

Aber hrere völlig unterschiedliche Einstellungen, wovon er die drei wichtigsten nennt: Erstens kann jemand furchtlos sein, weil ihm nichts am Leben liegt. Seine Furchtlosigkeit beruht darauf, dass er das Leben nicht liebt.

Eine zweite Art von Furchtlosigkeit trifft Erich Fromm bei Menschen an, die sich einem Idol, einem anderen Menschen, einer Institution oder einer Idee mit Haut und Haaren unterwerfen. Die Befehle ihres Idols sind ihnen dann heilig. Erich Fromm fügt hinzu: „Sie sind für sie weit zwingender als selbst die Befehle ihres eigenen Körpers, der überleben will. Wenn ein solcher Mensch diese Befehle seines Idols nicht befolgen oder ihre Berechtigung anzweifeln könnte, geriete er in Gefahr, seine Identität mit dem Idol zu verlieren.“

Ein voll entwickelter Mensch ruht in sich selbst und liebt das Leben

Die dritte Art der Furchtlosigkeit entdeckt Erich Fromm bei vollentwickelten Menschen, die in sich selber ruhen und das Leben lieben. Erich Fromm erläutert: „Wer seine Gier überwunden hat, klammert sich weder an ein Idol noch an irgendeine Sache und hat deshalb nichts zu verlieren.“ Er ist reich, weil er besitzlos ist und er zeigt Stärke, weil er nicht der Sklave seiner Begierden ist. Er kann Idole, irrationale Wünsche und Phantasien loslassen, weil er mit der Wirklichkeit in seinem Innersten und außerhalb seiner selbst in vollem Kontakt steht.

Wenn eine solche Person zur vollen Erleuchtung gelangt ist, ist sie vollkommen ohne Furcht. Wer noch auf dem Weg zu diesem Ziel ist, besitzt noch keine vollkommene Furchtlosigkeit. Erich Fromm schreibt: „Aber jeder, der versucht, sich dem Zustand, ganz er selbst zu sein, zu nähern, weiß, dass jeder neue Schritt auf die Furchtlosigkeit unverkennbar ein Gefühl der Stärke und Freude in ihm erweckt.“ Johann Wolfgang von Goethe hat dafür die schönen Worte gefunden, dass einem Menschen die ganze Welt gehört, wenn er sein Sach auf Nichts gestellt hat.

Kurzbiographie: Erich Fromm

Erich Fromm wurde am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren. Vor seinem Jurastudium an der Frankfurter Universität beschäftigte er sich stark mit dem Talmud. Da er sich mit dem Studium der Rechte nicht sehr anfreunden konnte, ging er nach Heidelberg um Soziologie zu studieren. 1922 promovierte er mit einer Dissertation über „Das jüdische Gesetz“. 1926 heiratet er die Psychiaterin Frieda Reichmann und absolvierte eine psychoanalytische Ausbildung. 1929 wurde Erich Fromm zum Mitbegründer des Süddeutschen Instituts für Psychoanalyse in Frankfurt.

Im Jahr 1933 hielt Erich Fromm Gastvorlesungen an der Un Universität von Mexiko. 1955 erschien sein drittes Hauptwerk „Der moderne Mensch und seine Zukunft“. Seinen größten publizistischen Erfolg erzielt Fromm allerdings mit seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956). Sehr bekannt geworden ist auch sein Spätwerk „Haben oder sein“ von 1976. Erich Fromm der seit 1974 in Locarno, in der Schweiz, lebte, starb am 18. März 1980.

Von Hans Klumbies

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