Fritz Künkel stellt eine allgemeine Neurosenlehre auf

Für Fritz Künkel muss jede Theorie der Neurose in einer Charakterkunde begründet sein. Wer sachlich zu sein lernt, wird sein Ich mehrheitlich in der Hingabe an überpersönliche Ziele und Werte empfinden. Die Sachlichkeit ist für Fritz Künkel keineswegs mit Kälte und Nüchternheit identisch. Er denkt eher an den Bedeutungsgehalt sachgemäß, so dass man zum Beispiel von einem Liebenden sagen kann, seine Form der Sachlichkeit setzt sich aus Güte und Zuwendung, Verstehen und Großzügigkeit sowie Anerkennung und Gefühl für das Du zusammen. Ichhaftigkeit dagegen bedeutet laut Fritz Künkel Angst vor dem Leben und vor den Mitmenschen, Selbstbewahrung und übersteigertes Sicherheitsstreben.

Fritz Künkel entwickelt eine Psychologie des Wir

Je nach dem Überwiegen des Ichhaften oder des Sachlichen in einem Menschen, gestaltet sich dessen Reaktion auf die Umwelt. Fritz Künkel verbindet die Ichhaftigkeit mit Irritierbarkeit, die Sachlichkeit mit Sensibilität. Der Irritierte stößt sich oft an seiner Umgebung wund, während der Sensible differenziert und genau die seelische Beschaffenheit seiner Mitmenschen erlebt und Verständnis für sich selbst und die anderen aufbringt. Neurotiker und Psychotiker leiden unter einer massiven Steigerung des Irritiertseins, das zu verschiedenen Manifestationen der Kontaktscheue und der Weltflucht führt.

Aufgrund seiner Psychologie des Wir behauptet Fritz Künkel, dass jeder Mensch in ein „Ur-Wir“ hineingeboren wird. Zunächst stellen Mutter und Kind eine Symbiose dar, die beiden Glück, Freude und Gesundheit spendet. Früher oder später kommt es aber notwendigerweise zum Bruch des Wir. Die Mutter enttäuscht oder frustriert das Kind, das sich dann auf sich selbst zurückgeworfen fühlt. Je eher und radikaler die Einheit zwischen Mutter und Kind aufgelöst wird, umso schwerer kann das Kind in die Kultur und die Gesellschaft eingreifen.

Der Charakter ist für Fritz Künkel gewissermaßen das Resultat frühkindlicher Wir-Schicksale und der Traumatisierungen im Hinblick auf das Selbstwerden im Rahmen der Verbundenheit zu den Mitmenschen. In jeder Charaktereigenschaft mischen sich ichhafte und sachliche Regungen, aber weitgehend handelt es sich dabei um Defensivmaßnahmen, die verhindern sollen, den Wir-Bruch der Kinderjahre, mit seiner gewaltigen Erschütterung, nicht noch einmal zu erleben.

Kurzbiographie: Fritz Künkel

Fritz Künkel wurde am 6. September 1889 in Stolzenberg, im Kreis Landsberg an der Warthe, geboren und war einer der namhaftesten Schüler Alfred Adlers in Deutschland. Nach dem Medizinstudium spezialisierte sich Fritz Künkel auf Nervenheilkunde und Psychotherapie und betrieb in Berlin eine gut gehende Praxis. In den Jahren 1928 bis 1935 veröffentlichte er sein sechsbändiges Hauptwerk der „Angewandten Charakterkunde“.

Wegen christlich-nationalistischer Tendenzen bei Fritz Künkel kam es Anfang der 30iger Jahre zur unversöhnlichen Trennung von Alfred Adler. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ließ er sich in Los Angeles nieder und leitete dort ein „Institut für Pastoralpsychologie“. Fritz Künkel starb am 4. April 1956 in den USA.

Von Hans Klumbies

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