Der Neurotiker schwankt zwischen Macht und Liebe

Der neurotische Mensch besteht für Karen Horney aus einer Fülle von Charakterdeformationen, aus dem sich die ganze Vielfalt der neurotischen Symptome entwickeln. Es gibt allerdings auch symptomarme und symptomlose Neurosen, die ebenso gravierend für den Betroffenen sein können, wie jene Krankheiten, die sich durch auffällige Zwangshandlungen, hysterische Anfälle oder Angstzustände auszeichnen. Die Übergänge vom normalen Menschen zum Neurotiker können laut Karen Horney fließend sein. Ähnliche Einstellungen finden sich sowohl beim gesunden als auch beim kranken Menschen. Beim Neurotiker tritt allerdings eine eigenartige Starrheit auf, die ihn ernstlich bei seiner menschlichen Entwicklung behindert.

Den Neurotiker plagt eine gesteigerte Grundangst

Im Mittelpunkt einer neurotischen Störung verortet Karen Horney Anomalien in der Gefühlswelt und im Charakter, wobei das Sexuelle immer ein Teil der Krankheit sein kann, aber niemals deren Basis. Karen Horney stellt beim Neurotiker eine wesentlich gesteigerte Grundangst fest, die irrational ist und zu einem quälenden Gefühl des Ausgeliefertseins führt. Neurotikern fehlt in der Regel die Erfahrung der Geborgenheit in ihrer Welt, da sie unglückselige Kindheitserlebnisse mit sich herumtragen.

Den Ursprung der Angst findet Horney in ungünstigen Erziehungsweisen wie Verwöhnung, Härte, Strenge oder Lieblosigkeit. Durch die fehlende Geborgenheit bleibt das Kind heimatlos und entwickelt Angst gegenüber seiner Umwelt und den Mitmenschen, die sich bis zur Feindseligkeit steigern kann. Um sich vor der Angst zu schützen entwickelt der Neurotiker verschiedene Charakterzüge wie die zwanghafte Suche nach Liebe, Formen der Unterwürfigkeit, das Streben nach Macht sowie eine Distanzhaltung gegenüber seinen Mitmenschen.

Der Neurotiker sehnt sich nach Sicherheit

Diese vier Tendenzen der Abwehr finden sich als bunte Mischung in fast allen Neurosen. Der Neurotiker strebt laut Karen Horney vor allem nach Sicherheit. Deshalb muss er, um sich sicher zu fühlen, eng gefasste Spielregeln wählen, die es ihm erlauben, sein Leben unter Kontrolle zu halten. Durch diese Starrheit seiner Reaktionen bleibt er hinter seinen wahren Lebensmöglichkeiten zurück. Denn wer die Chancen des Lebens nützen will, muss für sie offen sein. Der Neurotiker verschließt sich durch seine Angst und erfährt deshalb ein Leben der Stagnation.

Der Neurotiker fällt durch Charakterzüge auf, die seinem Geltungswunsch dienen und die ihm das Gefühl der Unterlegenheit ersparen sollen. Dazu zählt Karen Horney unter anderen den neurotischen Ehrgeiz, den Neid, die Überempfindlichkeit, die Habgier, die Schüchternheit und die Eitelkeit. Außerdem diagnostiziert sie beim Neurotiker ein erhebliches Konkurrenzbedürfr und überall mit anderen Menschen zu vergleichen. Dieser Ehrgeiz stammt aus einer verzärtelnden Erziehung, in der das Kind als Prinz quasi auf einen Thron gehoben wurde. Laut Karen Horney können Gottähnlichkeitswünsche solcher Charaktere kaum groß genug gedacht werden.

Karen Horney erkannte die Scheinvorwürfe der Neurotiker

Wie Alfred Adler erkennt auch Karen Horney den zitternden Ehrgeiz des Neurotikers, der oft mögliche Erfolge vereitelt, weil er aus Prinzip vor Wettbewerben zurückschreckt. Er steht sich selbst im Weg, weil er zwar auf der einen Seite andere überragen will, aber auf der anderen Seite die Isolierung des Erfolgreichen fürchtet, die Neid und Erbitterung nach sich ziehen könnte. Der neurotische Mensch kann sich nicht zwischen Macht und Liebe entscheiden und erreicht deshalb nicht selten wenig oder gar nichts, weil er beides will.

Karen Horney erkannte in vielen neurotischen Selbstvorwürfen Scheinmanöver, die dazu dienen in einer moralisierenden Umgebung als großer Kritiker des eigenen Selbst zu glänzen. Wenn er auf sich selbst herumhackt und sich klein macht schützt sich der Neurotiker vor der Kritik der anderen. Denn seine Mitmenschen sehen sich meist genötigt, ihren zerknirschten Gegenpart wieder aufzurichten und zu loben. Sigmund Freud und Friedrich Nietzsche vermuteten in den Selbstanklagen mancher Menschen sogar eine verstecke Aggression gegen ihre Umgebung.

Von Hans Klumbies

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