Dauerhaftes Glück ist nicht möglich

Dem französischen Philosophen und Staatstheoretiker Charles-Louis de Montesquieu verdankt die Menschheit viele kluge Erkenntnisse über das menschliche Handeln und seine Bedingungen. Auch über das Glück hat der Baron im 18. Jahrhundert nachgedacht und dabei festgestellt, dass menschliche Grundproblem sei bar nicht das eigene fehlende Glück, sondern die Tatsache, dass man gern glücklicher als die anderen wäre – und das ist fast immer schwierig, weil man die anderen für glücklicher hält als sie sind. Dabei kannte dieser Vorläufer der Aufklärung noch gar nicht die moderne Mediengesellschaft, in der Montesquieus Analyse gleich doppelt zutrifft. Ulrich Schnabel erklärt: „Schließlich beziehen wir den Großteil unseres Wissens nicht mehr aus eigener Anschauung und Erfahrung, sondern aus der medialen Welt, in der sich ohnehin alle zufriedener geben, als sie tatsächlich sind.“ Ulrich Schnabel ist Wissenschaftsredakteur der Wochenzeitung „Zeit“ und Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher.

Die gute Laune kann zum Terror werden

Damit potenziert sich der Neideffekt: Wer sich von allen Seiten von Fassaden des Glücks umstellt sieht, kann gar nicht anders, als alle anderen für glücklicher zu halten als sich selbst. Ulrich Schnabel stellt fest: „Der Terror der Gutgelauntheit entgeht nicht einmal, wer den Fernseher abschaltet und auf Illustrierte verzichtet. Schließlich plakatiert auch die allgegenwärtige Werbung flächendeckend die Botschaft des Hochgefühls.“ Als Stadtbewohner haben sich die meisten Menschen an diese Art der Gehirnwäsche derart gewöhnt, dass sie ihnen in der Regel gar nicht mehr auffällt.

Die Werbung und die Medien repräsentieren allerdings nur besonders auffällig jenes Denken, das in den vergangenen Jahrzehnten in viele Bereiche des menschlichen Alltags vorgedrungen ist: Die Vorstellung nämlich, dass so etwas wie dauerhaftes Glück nicht nur möglich sei, sondern dass es sich durch geeignete Methoden und Strategien ebenso zielsicher herstellen lasse wie zum Beispiel Frühstücksbrötchen oder Waschseife. Den wissenschaftlichen Hintergrund dazu liefert die „Positive Psychologie“, die das Sprichwort „Jedes ist seines Glückes Schmied“ mit akademischen Weihen ausschmückt.

Es gibt Regieanweisungen für jede Nische des Seelenlebens

Die „Positive Psychologie“ geht auf den amerikanischen Psychologen Martin E. P. Seligman zurück, der die Psychologie von einer Wissenschaft der Krankheiten in eine Wissenschaft verwandeln wollte, die sich mit Gesundheit und Glück befasst. Ulrich Schnabel fügt hinzu: „Seligmans Konzept fand so viele Nachahmer, dass heute die Vorstellung, Glück sei etwas Herstellbares, das man in der Hand habe, in breiten Gesellschaftsschichten voll akzeptiert ist.“ Und um das Glück wirklich in jeder Lebenslage zu sichern, versorgt die Glückssuchenden eine ganze Armada von Experten mit ihren Tricks und Strategien.

Tatsächlich, so kritisiert die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim, hält die populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur heute „Regieanweisungen für jede Nische unseres Seelenlebens parat“, wobei eine entspannt-glückliche Grundhaltung geradezu zur allgemeinen Plicht erhoben wird. Mitunter verbindet sich auch die Glücksdiktatur mit dem kapitalistischen Erfolgsstreben: Dann wird die persönliche Position auf der Glücksskala zum Gradmesser für den eigenen Marktwert. Wer erfolgreich sein möchte, muss ständig den Eindruck des Erfolgs vermitteln – auch dann, wenn er sich innerlich ganz anders fühlt. Quelle: „Was kostet ein Lächeln!“ von Ulrich Schnabel

Von Hans Klumbies

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