Aggressives Verhalten im 3. Lebensjahr ist keine Verhaltensstörung

Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie häufig, auf welche Weise, aus welchen Motiven und bei welchen Anlässen sie andere Menschen angreifen – kurz: Sie unterscheiden sich in ihrer Aggressivität. Hans-Peter Nolting ergänzt: „Diese Aggressivität ist einerseits eine ganz individuelle Eigenschaft, andererseits ist jeder Einzelne nicht nur eine einzigartige Persönlichkeit, sondern gehört stets auch zu Kategorien wie Geschlecht und Altersgruppe.“ Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich nur mit Zögern bestätigen, dass das Jugendalter der aggressivste Altersabschnitt ist. Knapp formuliert müsste man eher sagen: In der Gewaltstatistik ist das Jugend- und frühe Erwachsenenalter tatsächlich überrepräsentiert, aber die hohe Zahl der Taten geht im Wesentlichen auf das Konto einer Minderheit von Jugendlichen. Dr. Hans-Peter Nolting beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkreis Aggression und Gewalt, viele Jahre davon als Dozent für Psychologie an der Universität Göttingen.

Trotzanfälle treten ab dem 16. Lebensmonat auf

Nach der Häufigkeit aggressiven Verhaltens ist eher die Phase um das dritte Lebensjahr besonders kritisch, und das gilt für die Mehrheit der Kinder. In den ersten beiden Lebensjahren gibt es noch kein aggressives Verhalten im eigentlichen Sinne, wohl aber Vorläufer wie Schreien und andere heftige Reaktionen bei negativ erlebten Anlässen, zum Beispiel beim Anziehen oder Waschen. Hans-Peter Nolting erklärt: „Man kann dies als Unmutsäußerung oder Abwehrreaktion verstehen und die Emotion dahinter als eine Vorform von Ärger.“

Dieses Verhalten mag zuweilen sogar aggressiv wirken, aber zweifellos fehlt jede Intention, anderen Menschen weh zu tun. Ab der zweiten Hälfte des ersten Jahres kommen Verhaltensweisen wie Zerren, Reißen oder Hauen hinzu; sie richten sich aber nicht gegen Menschen, sondern auf Objekte, zum Beispiel auf ein Spielzeug. Insofern sind auch diese Verhaltensweisen noch nicht aggressiv. Dasselbe gilt für die sogenannten Trotzanfälle, die etwa ab dem 16. Lebensmonat auftreten. Sie sind zunächst impulsive Affektstürme und keine Angriffe.

Schon im Kindergarten kann man unterschiedliches Aggressionsverhalten beobachten

In dieser Zeit wachsen das Bewusstsein für das eigene Ich und das Streben nach eigenständigem Tun. Das Kind möchte vieles selbst machen, ohne es schon zu können, und es gerät in Konflikt mit Erziehenden, die eingreifen und einschränken wollen. So wird es immer wieder „frustriert“, kann das Problem aber weder lösen noch darüber kommunizieren. Aus den ungestümen Vorläufern werden dann allmählich gegen Personen gerichtete Verhaltensweisen. Wenn das Kind etwas abzuwehren oder durchzusetzen versucht und dabei sein „Opfer“ anblickt, dann ist das ein Indiz für die Ausrichtung auf Personen.

Ein in diesem Sinne echt aggressives Verhalten tritt etwa im Übergang vom zweiten zum dritten Lebensjahr zum ersten Mal auf. Hans-Peter Nolting erläutert: „Dass im Laufe des zweiten Jahres zunächst aggressive Ärgerausbrüche und im dritten Lebensjahr auch aggressive Verhaltensweisen gegen Personen zunehmen, ist einerseits ein alterstypischer Trend und keine Verhaltensstörung. Anderseits kann man aber in diesem Alter schon große individuelle Unterschiede von sehr friedlich bis sehr aggressiv erkennen, besonders deutlich etwa im Kindergarten.“ Quelle: „Psychologie der Aggression“ von Hans-Peter Nolting

Von Hans Klumbies

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